Heißluftjournalismus. Ein Gedankenarmutsbericht

Es beginnt mit dem Artikel “Bundesregierung schönt Armutsbericht” von Thomas Öchsner bei süddeutsche.de. Öchsner, der einst Politologie in Marburg studiert hat, ist heute Berliner Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und laut Redaktion “vor allem für das Arbeits- und Wirtschaftsministerium zuständig”. Sein Artikel wird am Mittwoch, 28.11. in den frühen Morgenstunden bei süddeutsche.de freigeschaltet.

Öchsner vergleicht darin einen im Internet bereits veröffentlichten Armutsberichts-Entwurf aus dem Arbeits- und Sozialministerium vom September diesen Jahres mit einer aktuellen, nicht veröffentlichten Fassung vom 21. November, die, so Öchsner, der Süddeutschen Zeitung vorliege und den die Bundesregierung noch in diesem Jahr verabschieden wolle.

Letzteres wird allerdings schon um die Mittagszeit gegenüber der Süddeutschen Zeitung dementiert. Eine Sprecherin des Sozialministeriums teilt mit, das sei keineswegs die finale Fassung, weil noch Verbandsstellungnahmen einzuarbeiten seien. Außerdem wolle das Bundeskabinett den Bericht erst im Januar 2013 verabschieden.

Der Fall ist klar: Es werden Informationen aus einem der beteiligten Ministerien an Öchsner durchgestochen. Die Informanten und Öchsner finden es gemeinsam doof, dass Ministeriale aus Philipp Röslers Wirtschaftsressort auf ein paar Formulierungsänderungen hingewirkt hatten. So weit, so langweilig. Einer der besten deutschen Blogger hat den Vorgang in Zettels Meckerecke sofort angemessen eingeordnet:

“Nein, die Bundesregierung hat íhren Armutsbericht´nicht ´geändert´; sondern wie üblich wurde ein erster Referentenentwurf nach Stellungnahmen aus anderen Ministerien überarbeitet … Aus diesem trivialen, routinemäßigen Vorgang der sukzessiven Erstellung einer Endfassung macht die SZ ein ´verwässert und verschleiert´; und die Kollegen von den anderen Blättern übernehmen diesen Tenor der Berichterstattung.“

Der SZ-Journalist bauscht eine dürre Geschichte künstlich auf, er betreibt jene Skandalisierung des profanen Alltags, mit denen leider auch „Qualitätsmedien“ die Leute kirre machen. Jenseits des Einzelfalles verweist die Sache auf systemische Ursachen: Ehrwürdige Medienmarken werden im Netz boulevardesk, weil sie sich im Streben nach hundertprozentiger Werbefinanzierung dem Zwang unterwerfen, auf Biegen und Brechen ihre Reichweiten und Klickzahlen zu maximieren. Einst stolze Medienmarken laufen auf diese Weise Gefahr, sich längerfristig zu ruinieren.

Immerhin schreibt Öchsner selbst. Andere schreiben ab, illustrieren die Armut mit anrührenden Symbolfotos und sammeln zusätzliche „Quotes“ ein, um die Empörungsmaschinerie am Laufen zu halten. Zeit online übernimmt sogar die irreführende Headline von süddeutsche.de wörtlich, ebenso wie die FTD, deren Mannschaft allerdings aus aktuellem Anlass mildernde Umstände zuzubilligen sind. Das Handelsblatt variiert leicht die Headline, um sogleich im Vorspann ebenfalls den Leser irrezuführen: “Offenbar hat die Bundesregierung ihren eigenen Armutsbericht in einigen entscheidenden Passagen geschönt.” Die Liste ließe sich verlängern, selbst die Tagesschau widmet der Angelegenheit einen Beitrag nebst Kommentar. Soweit ich sehe, gibt es nirgendwo einen Medienbericht, der die Sache so angemessen niedrig hängt wie der Blogger “Zettel”.

Politiker machen bereitwillig mit beim Skandalisierungsspektakel. Cem Özdemir raunt dunkel über „Bilanzfälschung“, Hubertus Heil sieht ein „schäbiges Spiel“ und koaliert sprachlich mit Linken-Chefin Katja Kipping, ( „Die Schönung des Berichts ist schäbig“). Für die Sucheingabe „Armutsbericht geschönt“ wirft Google 101.000 Fundstellen aus, für Carta stellt jemand eine Art Poesiealbum mit Statements empörter Twitterer zusammen.

Bei Zeit online wurde offenbar die Recherche komplett eingestellt. Am 29.11. zitiert man dort um 6.48 Uhr eine weitere empörte Stimme. Nun ist sogar von Zensur die Rede:

“SoVD-Präsident Adolf Bauer sagte der Neuen Osnabrücker Zeitung (Donnerstag): ´Die Ministerin muss den Armutsbericht in seiner ursprünglichen Form ins Netz stellen. Alles andere ist zensurverdächtig.´

Durch einfaches Googeln hätten sowohl der Sozialverbandspräsident, als auch die Redakteure von Zeit online und der Neuen Osnabrücker Zeitung festgestellt, dass der 500-Seiten-Bericht längst im Netz steht, beispielsweise hier und hier.

Und inhaltlich?

Über manche der geänderten Formulierungen lässt sich streiten. Andere sind nachvollziehbar. So war insbesondere die ursprüngliche Aussage

“Die Einkommensspreizung hat zugenommen”,

nach neuesten Daten für die letzten Jahre kaum noch haltbar. Ein aufgeweckter kritischer Journalist hätte durchaus die Plausibilität dieser Aussage selbst in Zweifel ziehen können: Leiden denn nicht viele Vermögenseinkommensbezieher unter negativen Realzinsen, debattiert nicht die gesamte internationale Fachwelt seit mindestens zwei Jahren über „finanzielle Repression“ zu Lasten oberer Einkommensschichten? Und sind nicht andererseits die Tarifabschlüsse in Deutschland zuletzt höher ausgefallen?

Drei Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, die neoliberaler Umtriebe unverdächtig sind, stellen zusammenfassend im DIW-Wochenbericht 43/2012 klipp und klar fest:

“Die Einkommensungleichheit und das Armutsrisiko haben in Deutschland insgesamt von 2005 bis 2010 nicht zugenommen.”

Jeder Journalist, aber auch jeder Blogger und Twitterer, kann das nachlesen, und zwar gratis. Die DIW-Forscher legen ihrer Analyse die jüngsten verfügbaren Daten zur Einkommens- entwicklung aus dem Sozio-Ökonomischen Panel (SOEP) zugrunde. Das SOEP ist eine allgemein anerkannte Datenbasis, die DIW-Forscher um Markus M. Grabka sind Fachleute in Sachen Einkommensentwicklung und  -verteilung.

Mit dem Abbau der Arbeitslosigkeit sei seit 2005 eine Trendwende bei der Einkommens- entwicklung einhergegangen, schreiben die DIW-Leute. Voraussetzungen dafür hätte dann logischerweise eher rot-grün als schwarz-gelb geschaffen. Statt ihrer Jeremiaden müssten Hubertus Heil, Cem Özdemir & Co ein Loblied auf ihre Farben anstimmen, wenn sie denn dem Agenda-erfahrenen Kandidaten Steinbrück Wahlkampfhilfe leisten wollten.

“Viel Lärm um nichts”, konstatiert Zettel. Allerdings steht dieser Fall exemplarisch für ständige künstliche Aufreger ähnlichen Zuschnitts. Journalisten und Verleger müssen sich aus publizistischen wie wirtschaftlichen Gründen überlegen, ob sie solcherart Lärm weiter veranstalten wollen. Mit Heißluftjournalismus wird auf Dauer kein profitables Geschäft im Netz zu machen sein.

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3 Gedanken zu “Heißluftjournalismus. Ein Gedankenarmutsbericht

  1. Ja genau, auch die Marke „Spiegel“ ist im Netz boulevardesker als in Print. Jens Schröder hat bei meedia.de kürzlich ausgewertet, dass das Panorama-Ressort sogar mehr Reichweite als das Politik-Ressort bringt:

    „Das populärste Ressort auf Spiegel Online ist laut AGOF – und hier werden Kritiker aufschreien – tatsächlich das Panorama. Die bunte Kategorie, für die SpOn oft angegriffen wird, kommt auf 4,30 Mio. Unique User, die Politik auf 4,07 Mio.“

    http://meedia.de/internet/analyse-der-typische-spiegel-online-nutzer/2012/11/28.html

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