Fleischhauer will seinen Kaiser Wilhelm wieder haben

Der Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer, dem linksliberalen Bildungsbürgertum aus Hamburgs feinem Ortsteil Wellingsbüttel entstammend,  hat letztes Jahr ein launiges Buch geschrieben („Unter Linken“), in dem er seinen Wandel zum Konservativen schildert. Ein aufgeklärter Linker konnte, wenn nicht in allen, so doch in etlichen Punkten durchaus schmunzelnd und mit ein wenig Selbstironie zustimmen.

Doch nun schwätzt sich der Mann um Kopf und Kragen. Er übertrifft um Längen die reflexhafte, verknöchert-dogmatische Besserwisserei, die er auf der linken Seite des politischen Spektrums kritisierte. Was für ein Geschwurbel:

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Der Kairos der Kanzlerin

Es lohnt sich, das Interview anzuschauen, das der Staatsrechtler Oliver Lepsius von der Universität Bayreuth dem Bayerischen Rundfunk gegeben hat. Professor Lepsius leitet heute den Lehrstuhl, den Guttenbergs unglücklicher Doktorvater früher innehatte.

Hochinteressant ist – wie so oft – Zettels Analyse:

„Das Sensationelle ist, daß der Jurist Lepsius den Freiherrn explizit einen Betrüger nennt.

Ich habe mich bisher nicht getraut, das in diesem Blog zu tun, ohne – wie das auch Thomas Oppermann im Bundestag gemacht hat – hinzuzufügen „im umgangssprachlichen Sinn“ oder ähnlich. Denn Betrug im juristischen Sinn ist natürlich ein strafbares Delikt.

Wenn der Jurist Lepsius jetzt Guttenberg ausdrücklich Betrug vorwirft, dann bringt er diesen in Zugzwang. Er kann wegen Verleumdung oder übler Nachrede klagen. Dann wird er vor Gericht den Beweis führen müssen, daß er nicht betrogen hat. Oder er kann das auf sich sitzen lassen. Dann wird künftig jeder Bürger, jeder Abgeordnete im Bundestag berechtigt sein, den Freiherrn einen Betrüger zu nennen.“
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Ein gefallener Engel als Medienprodukt

Michael Spreng äußerte kürzlich die Meinung, dass die Guttenberg-Affäre auf einen Machtverlust der Medien hinweise:

„Je heftiger die Vorwürfe, um stärker scharten sich die Fans um ihn: Wir lassen uns unseren Guttenberg nicht kaputtmachen. Das hat wie bei jedem Starkult irrationale Züge, das mag man erschreckend finden, aber es ist ein Faktum. Der Starkult immunisiert zu Guttenberg offenbar gegen die Kritik der Medien und der Opposition und gegen die Neider in den eigenen Reihen.

Die politische Kultur in Deutschland hat eine neue Entwicklungsstufe genommen. Die Entmachtung der – je nach Standort – öffentlichen oder veröffentlichten Meinung schreitet voran.“

Das halte ich, mit Verlaub, für Unfug. Es stimmt zwar, dass die veröffentlichte Meinung – dass also die klassischen Medien – an Macht verlieren (warum hingegen die öffentliche Meinung an Macht verlieren sollte, erschließt sich mir nicht). Aber: Ein Beispiel  für den Machtverlust der Medien ist Sarrazin. Guttenberg ist ein Gegenbeispiel.

Sarrazin hatte die Medien fast geschlossen gegen sich – und gewann.  Weil er die Lebenswelt der Normalmenschen realistischer beschrieb als es die in Hamburg-Pöseldorf domizilierenden politisch korrekten Journalisten in den letzten zwanzig Jahren taten. Deshalb gewann er eine schier unglaubliche Anhänger- und Leserschaft. Michael Spreng stand dabei übrigens auf seiten der klassischen Massenmedien und wetterte auf verlorenem Posten mit ziemlich schrägen Argumenten gegen Sarrazin.

Guttenberg bietet hingegen ein Beispiel für die beträchtliche Macht, die Massenmedien auch heute noch haben. In konzertierter Aktion bauten die Medien binnen zweier Jahre einen bis dato Unbekannten zum vermeintlichen Messias auf, zum „starken Mann“, der sich auch optisch von weniger modebewussten Persönlichkeiten des parlamentarischen Betriebs abhob und mit dem im Schloss antrainierten schneidigen Auftritt zur Ausmistung des Augiasstalles bereit schien. Sein penetrantes Posing unterstützen nahezu alle Medien mit einer geradezu erschütternden Bereitwilligkeit. Und wie neulich schon mal gesagt: Nicht wenigen Journalisten fehlt auch die Qualifikation, hohle Phrasendrescherei als solche zu erkennen.

Unkritische Heldenverehrung selbst beim Spiegel (42/2010)

Zur Korrektur des Trugbildes reichen zehn Tage nicht aus

Ein trügerische Bild haben – vielleicht in einem antidemokratischen Affekt, der ihnen selbst nicht bewusst wurde – ganze Heerscharen von Journalisten elektronischer und gedruckter Medien mit medialem Trommelfeuer in die Hirne der Menschen gepflanzt. Relativ seriöse Medien wie zum Beispiel der Spiegel haben ebenso mitgemacht wie die bunten Blätter, die froh waren, endlich wieder vorzeigbare einheimische Blaublüter ablichten zu können. Und zum neuen starken Mann fehlte eigentlich nur noch der deutsche Schäferhund.

Fast wie ein Bravo-Starschnitt: Aufmacherseite der Spiegel-Titelgeschichte „Der Bürgerkönig“ in Nr. 42/2010

Dieses Trugbild wird jetzt korrigiert. Bei manchen Leuten schneller, bei manchen langsamer. Bei fast allen Insidern und Kennern des Wissenschaftsbetriebes  ist Guttenberg als entlarvter Scharlatan  unten durch.  Doch die vielen Klempnermeister und Krankenschwestern, die nie eine Uni von innen gesehen haben, müssen denken, Guttenberg habe bloß ein bisschen geschummelt, so wie jeder in der Schule mal abgeschrieben hat.  Der wissenschaftliche Betrug ist von ihrer Lebenswirklichkeit weit entfernt. Für diese Menschen wird Guttenberg in Zeitlupe vom Sockel fallen. Nicht zuletzt deshalb, weil die meisten Medien ihn in Zukunft kritischer beschreiben werden. Der hemmungslose Aufschneider, der  letzten Sommer zu Protokoll gab, am Urlaubsstrand gern mal Platon im Original zu lesen „um den Kopf frei zu kriegen“, der hat nun keine Chance mehr.

Auch mit Thomas Strobl stimme ich nicht überein. Er vertrat unter der Überschrift „Aller Lärm umsonst gestern die Meinung, Guttenberg habe es – jedenfalls vorerst – geschafft und sei sogar gestärkt aus dem Skandal hervorgegangen. Doch schon heute ging es  weiter: Klare Betrugsdiagnosen von führenden Wissenschaftlern, die erste Distanzierung bei einem CDU-Ministerpräsidenten, die Spontan-Demo am Potsdamer Platz.

Guttenberg wird gehen

Guttenberg ist nicht zu halten, die Beliebheitswerte, die ihn momentan noch schützen mögen, werden in der nächsten Wochen wie Schnee in der Märzsonne schmelzen. Von Tag zu Tag werden ihn mehr Leute als adligen Schnösel mit geschönter Vita wahrnehmen, der bürgerliche Tugenden mit Füßen trat. Der entweder seine Dissertation im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit schrieb oder dreifach log: in der ehrenwörtlichen Erklärung gegenüber der Universität, gegenüber der Öffentlichkeit und gegenüber dem Parlament.

Prognose: Spätestens im Herbst wird er nicht mehr Bundesminister sein. Ob er irgendwann später eine zweite Chance bekommt, ist eine andere Frage. Die soll er gern haben, wie jeder Mensch.

Guttenbergs „putschistischer Regelverstoß“

Die neuesten Kommentare zeigen, dass die Sache keineswegs ausgestanden ist.

Es geht in der Causa Guttenberg um die Verteidigung republikanischer Errungenschaften gegen gutsherrenhafte Anmaßung. Es geht um intellektuellen Widerstand gegen die von Boulevard- und Klatschblättern betriebene Entpolitisierung, die – siehe Wahlbeteiligung – allmählich für die Demokratie bedrohlich wird. Es geht um die Verteidigung einer freien Wissenschaft gegen interessengeleitetes Dunkelmännertum.

Gustav Seibt: Der Herr des Verfahrens

„Guttenbergs putschistischer Regelverstoß steht in einer langen konservativen Tradition: Prinzipien als drehbare Geschütze. Gekrönt wird dieses Verhalten dadurch, dass der überführte Edelmann seinen Doktortitel von sich aus ablegt. (…)

Und ähnlich putschistisch-voluntaristisch war ja auch das Verhältnis des altpreußisch-konservativen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zu jener Weimarer Verfassung, auf die er immerhin einen Eid geschworen hatte. Was gut für Deutschland war, entschied er, je länger je mehr, zusammen mit einer adelig-industriellen Entourage ganz allein …“

24. Februar 2011, sueddeutsche.de

Berthold Kohler: Entlassen

„´Scheiß auf den Doktor´, empfahl (ihm) die ´Bild´-Zeitung. Wohl wahr: Ein Monarch braucht keinen Doktortitel. Auch den bunten Blättern reicht das Adelsprädikat.

Noch aber ist Deutschland eine Republik, und noch ist ein Plagiat Diebstahl geistigen Eigentums. Die Kanzlerin mag aus naheliegenden Gründen über Letzteres hinweggehen, wenigstens nach außen hin. Den Schaden im Kosmos der bürgerlichen Werte, den die Operation zur Rettung des gestrauchelten Bannerträgers nach sich zieht, kann aber auch Frau Merkel unmöglich übersehen.

23. Februar 2011, FAZnet

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Guttenberg mit neuer Falschbehauptung im Bundestag

In der Fragestunde des Bundestages bestritt Guttenberg heute nachmittag gegenüber dem SPD-Abgeordneten Bartels,  bei Abgabe seiner Dissertation eine Ehrenwort-Erklärung gegeben zu haben. Er habe, sagte er, lediglich eine Erklärung abgegeben, aber kein Ehrenwort.

Das kann nicht stimmen – es sei denn, es gab für den Freiherrn in Bayreuth eine Extrawurst.

§ 8 der Bayreuther Promotionsordnung sieht in Absatz 6 eindeutig vor, dass dem Antrag auf  Zulassung zur Promotion „eine ehrenwörtliche Erklärung“ darüber beizufügen ist, dass der Bewerber „die Dissertation selbständig verfasst und keine anderen als die von ihm angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt hat…“ (siehe Originaltext unten).

die Bayreuther Promotionsordnung: Guttenberg hat doch ehrenwörtliche Erklärung gegeben (siehe Absatz 6)

Lug und Trug sind ministrabel. Vorübergehend.

„Fakt ist: Karl Theodor zu Guttenberg hat bei seiner Dissertation betrogen. Ein Versehen und ein Schludern kann man ausschließen.“  So fasst Stefan Tillman kurz und bündig die Sachlage in seinem heutigen Kommentar in der Financial Times Deutschland zusammen.

Die  Bundeskanzlerin, die das Land noch kürzlich zur „Bildungsrepublik“ beförderte, meiert heute den Wissenschaftsbereich ab: als eine Zone minderer Bedeutung im Vergleich zur hohen Politik, als Zone, in der Lug und Trug zu lässlichen Sünden zusammenschnurren. Angela Merkel nimmt damit ihre Selbstbeschädigung in Kauf – vielleicht, weil sie Guttenberg nicht feuern, sondern auf seinen Rücktritt warten will. Weiterlesen

Verlorene Ehre

Es wird von Tag zu Tag abenteuerlicher. Laut Spiegel online floss auch ein zehnseitiges Gutachten fast unverändert in die von Guttenberg eingereichte Dissertation ein, das Ministerialrat Dr. Dr. Ulrich Tammler vom Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages 2004  für den damaligen CSU-Abgeordneten zu Guttenberg verfasste. Titel:  „Die Frage nach einem Gottesbezug in der US-Verfassung und die Rechtsprechung des Supreme Court zur Trennung von Staat und Religion“. Nicht nur des Plagiierens hat sich der „vorübergehende“ Stand-by-Dottore offenbar schuldig gemacht, sondern auch der missbräuchlichen Inanspruchnahme öffentlicher Einrichtungen. Abgeordnete dürfen die Wissenschaftlichen Dienste des Parlamentes nämlich nur im Rahmen ihrer mandatsbezogenen Tätigkeit nutzen, nicht für private Zwecke.

Guttenberg kann sich einstweilen zwar noch der Unterstützung durch Bild sicher sein.  Auch die Leserinnen von Bild der Frau, Tina, Bella, Bunte und anderen Yellows  dürften bereit sein, ihm die Stange zu halten.  Aber seine Reputation bei gehobenen Meinungsmultiplikatoren hat Guttenberg nachhaltig verloren,  unabhängig von deren politischer Couleur. Im konservativen Lager bezogen die vom Ideen-Klau direkt betroffenen FAZ und NZZ von Anfang an klare Positionen. „Die verlorene Ehre“ wird Focus-Titelthema am kommenden Montag sein. In der Welt lässt Thomas Schmid zwar einerseits erkennen, dass er Guttenbergs Abgang von der politischen Bühne bedauern würde, gibt aber andererseits auch zu bedenken, dass Guttenberg „eben jene Renaissance der Bürgerlichkeit untergräbt, deren Herold er eben noch war.“ Erfreulicherweise hat Thomas Strobl aka weissgarnix seine anfängliche Alles-halb-so-wild-Position revidiert: „Bundeswehrreform hin oder her. Wer so eine Arbeit fabriziert, und allen Ernstes glaubt, damit davonzukommen, in dessen Kopf müssen Dinge vorgehen, die ich nicht bei einem Verteidigungsminister und schon gar nicht bei einem Bundeskanzler sehen will.“

Bettina Gaus, taz.de, meint unter der Überschrift „Der manische Minister“, Guttenberg setze darauf, dass er die Sache aussitzen könne und nächste Woche eine andere Sau durchs Dorf laufe. Jedoch: „Da wird er sich vermutlich täuschen. Verloren hat er nämlich sein Ansehen – und zwar dauerhaft – gerade in dem Milieu, an dem ihm am meisten liegt. Im Bildungsbürgertum also.“ Zum Bildungsbürgertum und zu den echten Wissenschaftlern gehört „Zettel“, der im Blog Zettels Raum heute nach ausführlicher Analyse sein definitives Urteil fällt: „Der Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg ist ein Blender.“ Absolut nachvollziehbar. Auf 63 Prozent der Seiten seiner Dissertation seien mittlerweile Plagiate gefunden worden, schreibt Zettel. Don Alphonso diagnostiziert bei Guttenberg „Morbus Mubarak Berlusconiensis“.

Die Uni Bayreuth zittere mit Guttenberg, schreibt Ingrid Schneider beim Handelsblatt: „Die Kommission kann Guttenberg dazu auffordern, seine Arbeit nachzubessern oder ihm gar den Doktortitel aberkennen. Lässt man ihn mit einem blauen Auge davonkommen? Für ein Vergehen, für das Studenten der Universität verwiesen werden und Angestellte ihren Job verlieren?“

Aber kann Guttenberg überhaupt so dumm sein, eine solche Copy-and-Paste-Arbeit zu schreiben? Fefe wunderte sich gestern schon: „Wieso betont der Guttenberg eigentlich so, dass er die Arbeit selber geschrieben hat? Noch hat ihm doch gar keiner vorgeworfen, einen Ghostwriter engagiert zu haben. Gut, könnte man jetzt ändern. Wer sich so deutlich vorauseilend verteidigt, klagt sich an.“

Entsprechend der Promotionsordnung der Universität Bayreuth hat Guttenberg sein Ehrenwort gegeben…