Lug und Trug sind ministrabel. Vorübergehend.

„Fakt ist: Karl Theodor zu Guttenberg hat bei seiner Dissertation betrogen. Ein Versehen und ein Schludern kann man ausschließen.“  So fasst Stefan Tillman kurz und bündig die Sachlage in seinem heutigen Kommentar in der Financial Times Deutschland zusammen.

Die  Bundeskanzlerin, die das Land noch kürzlich zur „Bildungsrepublik“ beförderte, meiert heute den Wissenschaftsbereich ab: als eine Zone minderer Bedeutung im Vergleich zur hohen Politik, als Zone, in der Lug und Trug zu lässlichen Sünden zusammenschnurren. Angela Merkel nimmt damit ihre Selbstbeschädigung in Kauf – vielleicht, weil sie Guttenberg nicht feuern, sondern auf seinen Rücktritt warten will. Weiterlesen

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Verlorene Ehre

Es wird von Tag zu Tag abenteuerlicher. Laut Spiegel online floss auch ein zehnseitiges Gutachten fast unverändert in die von Guttenberg eingereichte Dissertation ein, das Ministerialrat Dr. Dr. Ulrich Tammler vom Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages 2004  für den damaligen CSU-Abgeordneten zu Guttenberg verfasste. Titel:  „Die Frage nach einem Gottesbezug in der US-Verfassung und die Rechtsprechung des Supreme Court zur Trennung von Staat und Religion“. Nicht nur des Plagiierens hat sich der „vorübergehende“ Stand-by-Dottore offenbar schuldig gemacht, sondern auch der missbräuchlichen Inanspruchnahme öffentlicher Einrichtungen. Abgeordnete dürfen die Wissenschaftlichen Dienste des Parlamentes nämlich nur im Rahmen ihrer mandatsbezogenen Tätigkeit nutzen, nicht für private Zwecke.

Guttenberg kann sich einstweilen zwar noch der Unterstützung durch Bild sicher sein.  Auch die Leserinnen von Bild der Frau, Tina, Bella, Bunte und anderen Yellows  dürften bereit sein, ihm die Stange zu halten.  Aber seine Reputation bei gehobenen Meinungsmultiplikatoren hat Guttenberg nachhaltig verloren,  unabhängig von deren politischer Couleur. Im konservativen Lager bezogen die vom Ideen-Klau direkt betroffenen FAZ und NZZ von Anfang an klare Positionen. „Die verlorene Ehre“ wird Focus-Titelthema am kommenden Montag sein. In der Welt lässt Thomas Schmid zwar einerseits erkennen, dass er Guttenbergs Abgang von der politischen Bühne bedauern würde, gibt aber andererseits auch zu bedenken, dass Guttenberg „eben jene Renaissance der Bürgerlichkeit untergräbt, deren Herold er eben noch war.“ Erfreulicherweise hat Thomas Strobl aka weissgarnix seine anfängliche Alles-halb-so-wild-Position revidiert: „Bundeswehrreform hin oder her. Wer so eine Arbeit fabriziert, und allen Ernstes glaubt, damit davonzukommen, in dessen Kopf müssen Dinge vorgehen, die ich nicht bei einem Verteidigungsminister und schon gar nicht bei einem Bundeskanzler sehen will.“

Bettina Gaus, taz.de, meint unter der Überschrift „Der manische Minister“, Guttenberg setze darauf, dass er die Sache aussitzen könne und nächste Woche eine andere Sau durchs Dorf laufe. Jedoch: „Da wird er sich vermutlich täuschen. Verloren hat er nämlich sein Ansehen – und zwar dauerhaft – gerade in dem Milieu, an dem ihm am meisten liegt. Im Bildungsbürgertum also.“ Zum Bildungsbürgertum und zu den echten Wissenschaftlern gehört „Zettel“, der im Blog Zettels Raum heute nach ausführlicher Analyse sein definitives Urteil fällt: „Der Freiherr Karl-Theodor zu Guttenberg ist ein Blender.“ Absolut nachvollziehbar. Auf 63 Prozent der Seiten seiner Dissertation seien mittlerweile Plagiate gefunden worden, schreibt Zettel. Don Alphonso diagnostiziert bei Guttenberg „Morbus Mubarak Berlusconiensis“.

Die Uni Bayreuth zittere mit Guttenberg, schreibt Ingrid Schneider beim Handelsblatt: „Die Kommission kann Guttenberg dazu auffordern, seine Arbeit nachzubessern oder ihm gar den Doktortitel aberkennen. Lässt man ihn mit einem blauen Auge davonkommen? Für ein Vergehen, für das Studenten der Universität verwiesen werden und Angestellte ihren Job verlieren?“

Aber kann Guttenberg überhaupt so dumm sein, eine solche Copy-and-Paste-Arbeit zu schreiben? Fefe wunderte sich gestern schon: „Wieso betont der Guttenberg eigentlich so, dass er die Arbeit selber geschrieben hat? Noch hat ihm doch gar keiner vorgeworfen, einen Ghostwriter engagiert zu haben. Gut, könnte man jetzt ändern. Wer sich so deutlich vorauseilend verteidigt, klagt sich an.“

Entsprechend der Promotionsordnung der Universität Bayreuth hat Guttenberg sein Ehrenwort gegeben…

Wer fliegt alles aus der SPD?

Die SPD-Führung und ihr (vermutlich unaufgefordert tätiger) Berater Michael Spreng  irren oder heucheln, wenn sie Thilo Sarrazin wegen gewisser bevölkerungspolitischer Äußerungen des unsozialdemokratischen Denkens bezichtigen, um ihn aus der Partei werfen zu können. 

Die Wahrheit ist nämlich, dass in allen Parteien seit einigen Jahren nicht nur über die niedrige Geburtenzahl, sondern durchaus auch über die Verteilung der Geburten auf  soziale Schichten  diskutiert wird.  Ein scharfer Kritiker dieser Diskussion wie Andreas Kemper bezeichnet das Elterngeld sogar als „sozialeugenische Maßnahme“ und schreibt zur Begründung:

„Sowohl die Architektin des Elterngeldes, die sozialdemokratische ehemalige Familienministerin Renate Schmidt, als auch die Bundeskanzlerin Merkel, betonen, dass es beim Elterngeld darum geht, die Zahl der Akademikerkinder zu erhöhen.“

Tatsächlich:  „Kinderreichtum bei den Benachteiligten, Kinderarmut bei der restlichen Bevölkerung hat gravierende Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Bevölkerung…“ , hieß es schon 2001 in einem sozialdemokratischen Papier. Renate Schmidt, Familienministerin von 2002 bis 2005, veröffentlichte damals Überlegungen zur  „Familienpolitik für das 21. Jahrhundert“ . Darin hieß es über Vorschläge von  CDU/CSU-Vertretern  zu einem Erziehungsgehalt:

„Außerdem muss auch noch einmal problematisiert werden, für wen solche Konzepte attraktiv sind. Es sind vor allem die Familien mit den niedrigsten Einkommen. Kinderreichtum (3 Kinder und mehr) tritt schon heute in einem schmalen Bereich am oberen Ende der Einkommensskala und vor allem am unteren Ende auf. Mittelschichtfrauen beschränken sich aus den geschilderten Gründen auf 0-2 Kinder.

Kinderreichtum bei den Benachteiligten, Kinderarmut bei der restlichen Bevölkerung hat gravierende Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Bevölkerung und muss um so kritischer gesehen werden, wenn Erziehungsgehaltkonzepte davon ausgehen, dass Familien Kinderbetreuungseinrichtungen bei Inanspruchnahme des Erziehungsgehaltes nicht wahrnehmen oder deutlich teurer als bisher bezahlen müssen.“

Wie viele Genossinnen und Genossen wollen Gabriel und Nahles eigentlich ausschließen? Und wie viele Wähler veräppeln?

 

Einkommenskluft vertieft sich entlang der Bildungskluft

Zum dritten Mal nach 2006 und 2008 hat die Bundesregierung in Zusammenarbeit mit der Kultusministerkonferenz der Länder einen nationalen Bildungsbericht vorgelegt. Eine Kernbotschaft ist, dass die Bildungskluft weiter wächst – und mit ihr die Einkommenskluft. Letzteres ist zwar nicht sonderlich erstaunlich in einer Gesellschaft, in der immer mehr Leute mit dem Kopf statt mit den Händen arbeiten. Aber ist es auch politisch korrekt? Wohl kaum. Denn das hieße ja zweierlei: Erstens,  dass  Einzelne –  in gewissen Grenzen – durch Fleiß und Ausdauer in Schule, Lehre, Hochschule ihr Einkommen beeinflussen.  Und zweitens, dass die Herstellung von Bildungsgerechtigkeit ein Königsweg zu mehr Verteilungsgerechtigkeit ist. Beides ist politisch natürlich nicht korrekt. Also findet sich bestimmt ein akademisch geschulter Experte, der dieses Ergebnis als neoliberalen Auswuchs,  Indikator zunehmender sozialer Kälte und perfiden Anschlag auf unseren Sozialstaat brandmarken wird.  Professor Butterwegge übernehmen Sie!

Wörtlich heißt es im Bildungsbericht 2010:

„Der finanzielle Vorteil von Bildungsinvestitionen spiegelt sich nicht nur im mittleren Bruttomonatseinkommen wider,  sondern kann auch anhand der relativen Einkommensposition gezeigt werden. In der betrachteten Zeitspanne von 1992 bis 2008 hat sich für Personen, die allenfalls über einen Hauptschulabschluss verfügen, diese Position kontinuierlich verschlechtert, während höher Qualifizierte ihre Einkommensposition geringfügig ausbauen konnten.“

Die dem Bericht entnommene Grafik unten zeigt, wie stark für einzelne Gruppen die Bruttostundenlöhne 1992 und 2008 vom Median abwichen. Der Einfluss der Formalbildung auf das Markteinkommen wird zwar durch andere Einflussfaktoren (Geschlechterrollen, Migrationshintergrund) überlagert, ist aber selbst dann deutlich erkennbar, wenn – wie in der Grafik – nur sehr grob zwischen zwei Bildungsstufen unterschieden wird.

Professor Butterwegges Murmeltiertage

MurmeltierWirtschaftstheorien gibt es die Menge. Es ist auch unglaublich viel Blödsinn darunter. Ich kenne allerdings keinen wirtschaftstheoretischen Ansatz, der besagt, dass die Zahl der produktiven Arbeitsplätze oder das Maß des Wohlstands in einer Gesellschaft vom Bildungs- und Ausbildungsstand der Bevölkerung unabhängig seien.

Solche Ansätze kennt anscheinend Christoph Butterwegge (wobei: er verrät sie leider nicht). Der Kölner Professor für Politikwissenschaft ist unermüdlich im Dienst der Linkspartei, … ähem, pardon: im Dienst der Wissenschaft unterwegs, um den Menschen klarzumachen, dass monetäre Umverteilung das einzige Rezept gegen Armut darstelle. Das Gerede über Bildung und Bildungsarmut sei hingegen bloß ein neoliberales Ablenkungsmanöver.

Am 18. Oktober 2006 gibt Christoph Butterwegge für den “Faktencheck” von “Hart aber fair” gegenüber wdr.de als wissenschaftliche Erkenntnis zu Protokoll, dass die Zahl der Arbeitsplätze fix und  fleißiges Lernen der Vielen mitnichten ein probates Mittel der Armutsbekämpfung sei:

“Wenn alle Kinder mehr Bildung bekämen, würden sie um die wenigen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplätze nur auf einem höheren Niveau, aber nicht mit besseren Chancen konkurrieren. Folglich gäbe es mehr Taxifahrer mit Abitur oder abgeschlossenem Hochschulstudium, aber kaum weniger Armut.”

Am 18. Dezember 2006 gibt Christoph Butterwegge auf den “Nachdenkseiten” unter der Überschrift “Neoliberaler Unsinn” folgendes zu bedenken:

 “Wenn alle Kinder mehr Bildung bekämen, würden sie womöglich um die wenigen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplätze nur auf einem höheren Niveau, aber nicht mit besseren Chancen konkurrieren. Folglich gäbe es am Ende mehr Taxifahrer mit Abitur und abgeschlossenem Hochschulstudium, aber kaum weniger Armut.”

Was für Kinder richtig ist, kann für Jugendliche nicht falsch sein. Am 12. Juni 2008 modifiziert Christoph Butterwegge in einem FR-Artikel unter der Überschrift “Bildung schützt vor Armut nicht” seine Aussage entsprechend:

 “Denn wenn alle Jugendlichen – was durchaus wünschenswert wäre – mehr Bildungsmöglichkeiten bekämen, würden sie um die wenigen Ausbildung- und Arbeitsplätze womöglich nur auf einem höheren Niveau, aber nicht mit besseren Chancen konkurrieren. Dann gäbe es wieder mehr Taxifahrer mit Abitur oder Hochschulabschluss, aber nicht weniger Arme.”

Am 31. 10. 2008 erscheint unter der Überschrift “Nebelkerze Bildung” ein Artikel von Christoph Butterwegge in der taz, in dem es unter anderem heißt:

“Was unter günstigen Umständen zum individuellen Aufstieg taugt, versagt als gesellschaftliches Patentrezept. Denn wenn alle Jugendlichen – was natürlich wünschenswert wäre – mehr Bildungsmöglichkeiten bekämen, würden sie womöglich um die immer noch viel zu wenigen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplätze nur auf einem höheren Niveau, aber nicht mit besseren Chancen konkurrieren.”

Am Forschungsstand ändert sich nichts. Christoph Butterwegge teilt am 22. Juni 2009 auf stern.de unter der Überschrift “Hilft mehr Bildung gegen Armut?” einmal mehr mit:

 “Denn wenn alle Jugendlichen – was natürlich wünschenswert wäre – mehr Bildungsmöglichkeiten bekämen, würden sie womöglich um die immer noch viel zu wenigen Ausbildungs- und Arbeitsplätze nur auf einem höheren Niveau konkurrieren, nicht aber mit besseren Chancen. Dann gäbe es wieder mehr Taxifahrer mit Abitur, aber noch genauso viele Arme.”

Was soll an Butterwegges Haltung links sein?

Ob jeder Zehnte die Schule ohne Abschluss verlässt oder nur jeder Zwanzigste. Ob 20 Prozent studieren oder 50 Prozent. Ob wir den Kindern der Zugewanderten durch frühkindliche Bildung Integrations- und Aufstiegschancen geben oder nicht. Ist eh alles ziemlich wurscht – sagt der Professor.

Vorrang für Gegenwartskonsum zu Lasten der Zukunftsinvestition, statisches Denken und strukturkonservativer Dogmatismus, Geringschätzung von Bildung als eines auch über das Materielle hinausreichenden Reichtums – das alles soll “links” sein? Ach was! Da rotiert der olle Marx in seinem Grab auf dem Highgate-Friedhof, dass es für die ganzjährige Stromversorgung des Großraums London reicht.

Nichts, aber auch gar nichts spricht dagegen, die starken Schultern mehr als die schwachen zu belasten, die Steuertarife progressiv zu gestalten, von oben nach unten umzuverteilen. Allerdings sind die Einkommen in Deutschland immer noch relativ gleichmäßig verteilt, während die Bildungschancen der Jüngeren – das zeigen drei große PISA-Studien – bei uns so weit auseinanderklaffen wie in keinem anderen OECD-Land. Wer angesichts dessen im Zweifel stets gegen Bildung argumentiert ist nicht zukunftsorientiert, sondern rückwärtsgewandt.

„Und täglich grüßt das Murmeltier“, die Filmkomödie aus den 90er Jahren, endet übrigens mit der Läuterung des in der Zeitschleife Gefangenen.