Wachstumsfetischisten

„Das Bruttosozialprodukt … ist aus einer ganzen Reihe von Gründen kein hinreichender Maßstab der Wohlfahrt.“ Nein, dieser Satz stammt nicht aus der Begründung für die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, die der Deutsche Bundestag letzten Montag ins Leben gerufen hat. Der Satz ist fast vier Jahrzehnte alt. Er steht in einem Buch, das Horst Siebert, der spätere „Wirtschaftsweise“ und Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, im Jahr 1973 unter dem Titel „Das produzierte Chaos“ veröffentlichte.

Es gibt also seit Jahrzehnten kein Erkenntnisproblem mehr. Warum verspürt die Politik erst jetzt einen gewissen Handlungsdruck,  „das rein ökonomisch und quantitativ ausgerichtete Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Messgröße für gesellschaftliches Wohlergehen“  weiterzuentwickeln und  „etwa um ökologische, soziale und kulturelle Kriterien“ zu ergänzen, wie es beim Bundestag heißt? Nun, eine Antwort – zumindest eine Teilantwort – gibt die Grafik unten. Es ist eben erst jetzt an der Zeit, die Trauben für sauer zu erklären – jetzt, da sich die logarithmische Trendkurve der Wachstumsrate asymptotisch an die Null-Linie schmiegt.

Für die eh nur mickrigen Wachstumsraten der letzten Jahrzehnte wurde ökologisch Raubbau getrieben, eine für Friedenszeiten historisch einmalige fiskalische Verschuldungsorgie in Gang gesetzt und der Weg in den demographischen Niedergang eingeschlagen. Glücklicher sind die Deutschen bei alledem nicht geworden. Vielmehr deuten Allensbacher Daten auf eine Entkoppelung von BIP und Glück hin (Grafik unten). Nimmt man Daten zur allgemeinen Lebenszufriedenheit aus dem Sozio-Ökonomischen Panel (SOEP), so sieht es ähnlich aus. Das Phänomen ist aus der Glücksforschung längst bekannt: Jenseits gewisser Schwellenwerte tragen Einkommenszuwächse zur Wohlfahrt kaum noch bei.

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Thomas Strobl: Ohne Schulden läuft nichts

Die Erkenntnis, dass es sich bei der Finanzkrise um ein systemisches Problem handele, könne sich bisher öffentlich nicht durchsetzen, stellt Thomas Strobl fest. „Stattdessen wird von der Politik wie auch von den Medien das Bild des gierigen Bankers gezeichnet und ein Moraldiskurs geführt.“ Wenn ein Autor zu dieser Erkenntnis vorgedrungen ist – für die Hans-Werner Sinn vor einiger Zeit fast mal geteert und gefedert worden wäre –, darf ein lesenswerter Text erwartet werden. Strobls Buch ist lesenswert. Ich hatte es vor einiger Zeit in einem Rutsch am Wochenende durchgelesen, komme aber erst jetzt dazu, ein paar Zeilen zu schreiben.

Thomas Strobl alias weissgarnix verfügt über profunde ökonomische und ideengeschichtliche Kenntnisse, ohne zu den blutleeren Theoretikern zu gehören, die außer Schule und Hochschule vom Leben nichts gesehen haben. Der Stil ist locker und anekdotenreich, die Sprache meist angenehm präzise. Strobl beschreibt im ersten Kapitel den Kapitalismus als schuldengetriebenes System und zerpflückt die herrschende neoklassische Wirtschaftstheorie im zweiten Kapitel. Im dritten Kapitel untersucht er die Rolle des Bankensektors näher, um schließlich im vierten Kapitel zu fragen, was denn wohl, bitte schön, den Kapitalismus ablösen könnte, wo er doch so ungerecht und instabil sei.

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Gierdynamische Systeme

In seinem 2006 veröffentlichten Buch „Zorn und Zeit“, einem laut Untertitel „politisch-psychologischen Versuch“, hat Peter Sloterdijk sich über die „Kollapsverzögerung in gierdynamischen Systemen“ Gedanken gemacht (S. 302 ff):

„Die Grundlagen für die objektive Vergleichbarkeit des regulären Kapitalismus mit einem Ponzi-Schema sind in dem nicht bestreitbaren Faktum zu sehen, dass es sich bei beiden Modellen um kreditbasierte Wachstumssysteme handelt, die auf Gedeih und Verderb von erweiterter Reproduktion abhängig sind. Beiden ist eine Zusammmenbruchstendenz inhärent, deren Handhabung für die Systemdynamik im ganzen konstitutiv ist.

Der kapitalistisch-geldwirtschaftliche Komplex bildet ein weltumspannendes Netzwerk von Operationen zum Versetzen von Schuldenbergen. Doch selbst das bestkompensierte Ponzi-System kann längerfristig  nicht mehr leisten, als den Augenblick seiner Entzauberung auf unbestimmte Zeit zu verzögern – spätestens bis zu dem Moment, in dem der Weg der Expansion versperrt ist, weil alle neuen Mitspieler, die akquiriert werden könnten, dem Spiel schon beigetreten sind.“

Sloterdijk verweist in diesem Zusammenhang auf das Ende der fossilen Energien sowie – in einer Fußnote – auf das kettenbriefartig konstruierte Rentensystem, „bei dem die Älteren kräftig abzocken, während schon die Spieler der dritten Runde von den Hunden gebissen werden“ sowie auf die verschuldeten Staaten, „deren Stabilität zum großen Teil auf der quasireligiösen Unfähigkeit der Gläubiger beruht, sich einen zahlungsunfähigen Staat vorzustellen.“ Seit Sloterdijk seinen Text verfasste, soviel steht fest, ist weltweit die Gabe gestiegen, sich Staatsbankrotte vorzustellen.

Entfesselter Kapitalismus

Heute werfen wir mal  einen Blick in die Fratze des entfesselten Kapitalismus. Den hat gestern Bischof Marx angeklagt, wie in den Nachrichten zu hören war. Im Hinblick auf die internationalen Finanzmärkte und die Konzernklüngel, in denen sich Vorstände und Aufsichtsräte seit Jahr und Tag völlig ungeniert ein fröhliches  „Enrichez-vous“ zurufen, haben Bischof Marx und alle anderen Recht. 

Wer an der ganzen Wahrheit interessiert ist, sieht allerdings auch, dass fast jeder zweite  Euro in diesem Land durch die Hand des Staates geht. Die Staatsquote liegt nach Schätzung des Bundesfinanzministeriums dieses Jahr bei 48 Prozent (siehe Tabelle). 1960 betrug sie erst ein Drittel, der entscheidende Sprung auf ein dauerhaft höheres Niveau fiel in die frühen 1970er Jahre.