Muss die Geschichte des Hanns-Joachim-Friedrichs-Zitats völlig neu geschrieben werden?

Die Rede des Spiegel-Reporters Cordt Schnibbens bei der Verleihung des Deutschen Reporterpreises wirbt für Parteilichkeit von Journalisten in der Flüchtlingskrise. Schnibben zitiert – und relativiert – in diesem Zusammenhang den bekannten Ausspruch von Hanns Joachim Friedrichs, wonach sich ein guter Journalist nie mit einer Sache gemein mache, auch nicht mit einer guten. In seiner Rede behauptet Schnibben, nicht nur der „Transporteur“, sondern auch der legitime Interpret dieser Maxime zu sein:

„Heute Nachmittag hat mich eine zweite Sache sehr beschäftigt, nämlich dieses Zitat, was jetzt den Journalisten immer entgegengehalten wird, die sich im weitesten Sinne für die Aufnahme von Flüchtlingen stark machen, nämlich das berühmte Zitat von Hanns Joachim Friedrichs, ein Journalist soll sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.

Ich bin sozusagen nicht Erfinder oder Schöpfer, aber ich bin Transporteur dieses Zitats, weil ich damals zusammen mit Jürgen Leinemann am Sterbebett von … Scheiße … von Hanns Joachim Friedrichs diesen … Entschuldigung … diesen Satz gehört habe und da haben wir natürlich nachgefragt, was meinst du damit? Und er hat es eingegrenzt eigentlich in einem sehr politischen, gerade parteipolitischen Sinne. Also, wenn die SPD das Ehegattensplitting abschafft und ich als Journalist finde es gut, dann darf ich in der Anmoderation des Beitrages nicht erkennen lassen, dass ich das gut finde. Also eine ganz simple, kleine Sache.“

(Anm.: „Scheiße und „Entschuldigung“ waren der Gerührtheit des Redners geschuldet). Das Interview von Cordt Schnibben und seinem (inzwischen verstorbenen) Kollegen Jürgen Leinemann mit Friedrichs erschien in Spiegel 13/1995. In der entscheidenden Passage war allerdings vom Ehegattensplitting keine Rede. Es ging vielmehr um Existenzielles, um Kriegs- und Katastrophenjournalismus:

SPIEGEL: Hat es Sie gestört, daß man als Nachrichtenmoderator ständig den Tod präsentieren muß?

Friedrichs: … Das hab‘ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.

SPIEGEL: Je wichtiger die Nachricht, desto leiser die Stimme?

Friedrichs: Es ist nicht die Aufgabe des Moderators, die Leute zur Betroffenheit zu animieren. Die sollen selber entscheiden, ob sie betroffen sein wollen oder nicht.

IMG_0552Das Interview, das Hanns Joachim Friedrichs den beiden Spiegel-Leuten „am Sterbebett“ 1995 gab, war aber gar nicht die originäre Quelle des berühmten Zitats. Schon 1994 veröffentlichte Friedrichs nämlich seine Biografie unter dem Titel „Journalistenleben“. Darin schilderte er, dass der  BBC-Journalist Charles Wheeler ihn die Maxime der neutralen Berichterstattung gelehrt hatte (Seite 70 f). Hanns Joachim Friedrichs machte sich diese Maxime zu eigen – so sehr, dass er sie prominent auf dem Rücktitel seiner Biografie platzierte (siehe Abb.).

Aus seiner Abneigung gegen missionierende Journalisten und seinem Faible für die Trennung von Meldung und Meinung machte Friedrichs kein Hehl. So schrieb er über den früheren Rundfunk-Intendanten Edmund Gruber (S. 238f):

„Dass in diesem Nachrichtenmonopol der Öffentlich-Rechtlichen eine Verpflichtung steckte, nämlich die, nur nach dem Regelkatalog des publizistischen Handwerks zu arbeiten, wollte (oder konnte) Gruber nicht begreifen. Er holte seine Maßstäbe aus den Tiefen seiner politischen Überzeugung und blieb Ideologe in einem Metier, dessen Aufgabe die Verbreitung von Informationen, nicht aber von Glaubensbekenntnissen ist.“

Ehegattensplitting? Ganz simple, kleine Sache? Die Geschichte des an den Journalistenschulen kursierenden Friedrichs-Zitats muss völlig neu geschrieben werden? Ach was, Herr Schnibben, das nehme ich Ihnen nicht ab.

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Sagen, was ist. Aber nur, wenn´s der richtigen Sache dient?

Dem „Spiegel“-Reporter Cordt Schnibben ist es in seiner Rede zur Verleihung des Deutschen Reporterpreises unbeabsichtigt gelungen, eine zentrale Ursache des Glaubwürdigkeitsproblems vieler Medien bündig darzulegen:

Bei uns im Spiegel, im Atrium steht dieser schöne Spruch von Rudolf Augstein „Sagen, was ist“ und jeden Morgen, wenn ich da in diesen Wochen an diesem Spruch vorbeigekommen bin, habe ich ihn quasi ergänzt „… und bedenken, was daraus folgt.“ Ich glaube, heutzutage kann man nicht einfach sagen, was ist oder schreiben, was ist, sondern man muss sich auch als Journalist darüber klar werden, was man mit dem, was man schreibt, bewirkt.

Rudolf Augstein kann sich nicht mehr wehren. Sein journalistisches Credo hieß gerade nicht „Sagen, was ist – vorausgesetzt, es dient der richtigen Sache.“ Als liberaler Geist – kurzzeitig saß er ja für die FDP im Bundestag – hätte er Schnibben vermutlich gefragt, wieso der sich anmaße, stets besser als andere zu wissen, was richtig sei und wie die Kausalzusammenhänge in hochkomplexen Gesellschaften aussehen würden.

Die volkspädagogisch ambitionierten Bevormundungs- und Erziehungsjournalisten sind es gerade, die vielen deutschen Medien ein Glaubwürdigkeitsproblem beschert haben. Die Distanzlosigkeit von Journalisten gegenüber Gleichgesinnten aus der Politik spielt dabei eine wichtige Rolle. Viele Menschen nehmen die sogenannte vierte Gewalt nicht mehr als Kontrollorgan wahr, sondern sehen im politisch-medialen Komplex eine diffuse Einheit, deren Problemlösungskompetenz nicht mehr ausreicht, frühere Versprechungen einzulösen – Wohlstand für alle, gute Bildung, sichere Renten, europäische Einigung etc.

„Wenn die Welt aus den Fugen gerät“, sagt sich verständlicherweise mancher Bürger, „kann es mit der Weisheit der Gestalter aus Politik und Medien ja nicht so weit her sein.“ Deshalb schadet die Anmaßung von Wissen dem Journalismus genauso wie jede augenzwinkernde Kumpanei mit Politikern, die ebenfalls das vermeintlich Richtige wollen.

Reporter, gerade auch solche vom „Spiegel“, täten sich selbst einen Gefallen, wenn sie am  Augsteinschen Diktum „Sagen was ist“ nicht – pardon – herumschnibben würden. Der Beifall, den Schnibben für sein Bekenntnis zum Nudge-Journalismus bekam, zeugt aber von einer Gleichförmigkeit des Denkens in seinem Kollegenkreis, die nicht optimistisch stimmt.