Die Fortsetzung der Reklame mit anderen Mitteln in der „Zeit“

„Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden.“ So steht es unmissverständlich in Ziffer 7 des Pressekodex.

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Die Zeit, 40/2015: Tagesspiegel-Herausgeber und -Anteilseigner Sebastian Turner darf seine Werbebotschaft im redaktionellen Teil verbreiten

In der aktuellen Ausgabe der „Zeit“, prominent platziert im ersten Buch, findet sich ein als Essay deklarierter Artikel von Sebastian Turner über „Leitmedien“. Tenor: Leitmedien werden immer wichtiger, ihre Leser immer einflussreicher. Sebastian Turner ist Herausgeber und 20-Prozent-Gesellschafter des in Berlin erscheinenden Tagesspiegel. Die restlichen Anteile liegen bei der DvH Medien (DvH steht für Dieter von Holtzbrinck), zu der auch Handelsblatt, Wirtschaftswoche und Die Zeit (letztere zu 50 Prozent) gehören. Turner sitzt außerdem im Aufsichtsrat der DvH Medien, er ist also Kontrolleur der Hamburger Wochenzeitung. Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo wiederum fungiert neben Sebastian Turner als Herausgeber des Tagesspiegel.

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Tagesspiegel-Werbung; Herausgeber und Anteilseigner beim Tagesspiegel: Sebastian Turner

Seit Anfang 2014 hat der Tagesspiegel eine Werbekampagne, in der er sich Lesern und Anzeigenkunden als „Leitmedium der Hauptstadt“ empfiehlt (die Abb. zeigt eines der Motive). Dagegen ist nichts zu sagen. In den redaktionellen Spalten der Zeit haben die medientheoretisch verbrämten werblichen Ideen des Tagesspiegel jedoch nichts zu suchen – wenn man denn den Pressekodex ernst nimmt, der die Verquickung von Redaktion mit Werbung oder PR verbietet. Der Tagesspiegel ist  als Regionalzeitung zu 90 Prozent in Berlin/Brandenburg verbreitet, und kaum einem Medienwissenschaftler würde es einfallen, ihm nationale Bedeutung zuzusprechen. Anders Sebastian Turner: Um das Image des Tagesspiegel zu heben, stellt er seine Zeitung in eine Reihe mit angesehenen national verbreiteten Blättern wie FAZ, SZ oder Handelsblatt. Diesen Reklametrick seiner aktuellen Kampagne darf er nun im redaktionellen Teil der Hamburger Wochenzeitung vorführen.

Unter dem Essay wird zwar im Kleingedruckten über Turners Status als Tagesspiegel-Herausgeber und über das gemeinsame Verlagsdach von Tagesspiegel und Zeit informiert. Aber nicht über das persönliche und geschäftliche Interesse, das die beiden Tagesspiegel-Herausgeber Turner und di Lorenzo am Leitmedien-Thema und seiner spezifischen Deutung durch die Tagesspiegel-Imagewerbung haben. Für ein Blatt, dessen Protagonisten gern eine moralische Überlegenheit gegenüber dem gemeinen Volk geltend machen, wenn es um Klima, Asyl oder Euro geht, ist das eine ziemlich unsaubere Sache. Im gemeinen Volk nennt man es Schleichwerbung.

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