Wie Linke und Grüne doch noch die Demografie lieben lernten

Viele Linke begründen heute ihr Plädoyer für Einwanderung damit, dass die stark alternden und zahlenmäßig schrumpfenden Deutschen Einwanderung brauchen, wenn sie den Lebensstandard und die Sozialsysteme erhalten wollen. Das ist grundsätzlich richtig. Es ist zwar schräge, in diesem Kontext für eine großzügige Praxis der Asylpolitik zu werben. Denn das Asylrecht ist für Einwanderung nach dem Nützlichkeitsprinzip bekanntlich nicht gemacht. Wer als politisch Verfolgter oder Kriegsflüchtling Schutz sucht, ist nach unserer Verfassung unabhängig davon aufzunehmen, ob er mutmaßlich die Sozialsysteme eines Tages mit tragen oder sie – im Gegenteil – dauerhaft belasten wird.

Unbenannt

Aber sei´s drum. Ich möchte auf etwas Anderes hinaus.

Dass Demografie neuerdings von vielen Linken gemocht wird, ist pragmatisch zu nennen oder – unfreundlicher formuliert –  opportunistisch. Die Demografiedebatte ist nämlich nicht neu, es gibt sie seit drei Jahrzehnten. Doch wer sich mit Demografie befasste, wurde  jahrelang in die braune oder zumindest in die “neoliberale” Ecke gestellt. Der Politologieprofessor Christoph Butterwegge von der Universität Köln raunte zum Beispiel in dem 2002 erschienenen Buch “Themen der Rechten – Themen der Mitte” dunkel über den Demografie-Diskurs:

“Hier liegt nach übereinstimmender Auffassung von Neonazis und Führungskräften in Wirtschaft, Politik und Verwaltung ein zentrales, ja existenzielles Problem der Gesellschaftsentwicklung, für das Lösungen vorgeschlagen werden, die mit durch das NS-Regime entstandenen Tabus der öffentlichen Meinungsbildung radikal brechen und gleichzeitig an den Kern demokratischer Grundüberzeugungen rühren.”

Butterwegge stellte seine Landsleute, wenn sie  sich über demografische Defizite sorgten, mal in die rechte, mal in die “neoliberale” Ecke, wie es  gerade passte. In der Zeitschrift “Marxistische Erneuerung”  schrieb er über “Demografie, Migration und Armut als Gegenstandsbereiche sozialer Demagogie”.  In der “Zeit” rückte deren damaliger Redakteur Björn Schwentker  unter Berufung auf Butterwegge in Jahr 2006 die Demografie-Debatte in die Nazi-Ecke:

“Man mag es für übertrieben halten, wenn der Rechtsextremismusforscher Butterwegge im deutschen Demografiediskurs eine völkische Komponente sieht, die ihn »an die Weimarer Republik kurz vor 1933« erinnert. Aber stutzig macht es schon, wenn man feststellt, wo die semantischen Ursprünge der Auseinandersetzung liegen: Was heute in der Zeitung steht, ist in nicht unerheblichen Teilen das Vokabular Friedrich Burgdörfers. In der Weimarer Republik war er nicht nur einer der prominentesten Bevölkerungsforscher, sondern auch ein Verfechter von Eugenik und Rassenhygiene.”

Fazit: Demografie war jahrzehntelang igittigitt, wenn sich Wissenschaftler und Publizisten wie Herwig Birg, Meinhard Miegel oder Franz Xaver Kaufmann mit ihr befassten. Sie wurde erst salonfähig, als sie Linksgrün in den Kram passte.

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