Vorsicht, Untergangspropheten von links

Als jemand der selbst politisch links sozialisiert wurde und nach wie vor neben der Freiheit die Gerechtigkeit und die Solidarität außerordentlich wertschätzt, staune ich über das Maß an Unkenntnis, das linke und linksliberale Zeitgenossen in Sachen Demografie an den Tag legen. Bei Twitter hatte ich einen kleinen Disput zu dem Thema. Mein Gegenüber, ein wirtschaftswissenschaftlich ausgebildeter junger Mann, vertrat allen Ernstes folgende Ansicht:

„Es wäre sinnvoll, zu akzeptieren, dass weniger als 2,1 Kinder je Frau der Normalfall ist, wenn Frau frei entscheiden kann.“

Diese Auffassung tat er mehrfach in ähnlichen Formulierungen kund, so dass ein Missverständnis ausgeschlossen ist. Die Aussage gilt nach seiner Überzeugung nicht nur für Deutschland, sondern für alle Länder und Nationen der Welt. Und für alle Zukunft.

Einer entscheidenden Implikation dieser Aussage ist sich ihr Urheber offensichtlich nicht bewusst: Wenn die menschliche Gattung tatsächlich auf Dauer unter dem Bestands- erhaltungsniveau von 2,1 Kindern je Frau bliebe, würde sie mit mathematischer Sicherheit aussterben, und zwar – dank der Kraft des (umgedrehten) Zinseszinseffektes – lange bevor die Sonne ihre Kraft verliert.

Während Linke den Pessimismus einst bei vermeintlich reaktionären Kräften kritisiert haben (z. B. Spenglers „Untergang des Abendlandes“, Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“), sind nun manche von ihnen selbst zu Untergangspropheten geworden. Ohne es zu merken.

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4 Gedanken zu “Vorsicht, Untergangspropheten von links

  1. Ich vertrete „allen Ernstes“ diese Auffassung, weil die internationalen Zahlen klar dafür sprechen. Schau Dir die Geburtenziffernentwicklung der letzten Jahrzehnte an. Da wo Frauen frei entscheiden können, wieviele Kinder sie wollen, möchten sie offenkundig weniger als 2. Was spricht gegen diese Ansicht? Und ja richtig, wenn das so bleibt, stirbt die Menschheit irgendwann aus. Die Natur hat vermutlich die Entdeckung von Verhütungsmitteln nicht vorgesehen.

    Was aber ist nun an meiner Haltung pessimistisch und inwiefern bin ich links? Zudem würde ich mich nicht als Untergangspropheten sehen, sondern als sehr optimistisch bezeichnen. Die Menschheit wächst bald nicht mehr weiter, das ist eine gute Nachricht.

  2. Also ok, noch was zur Aussage, mein Statement würde für alle Zukunft gelten. Dazu kann ich wenig sagen. Möglicherweise setzen sich auf lange Frist religiöse Gruppen durch, die Verhütung ablehnen. Oder es setzen sich Menschen evolutionär durch, die genetisch einen sehr ausgeprägten Kinderwunsch haben. Das mag so sein oder auch nicht. Was wir derzeit seit einigen Jahrzehnten sehen ist jedoch, dass die Geburtenziffern weltweit sinken und in fast allen wohlhabenden Staaten unter 2 liegen. Also ausgerechnet da, wo sich Frauen (und Männer) frei für oder gegen Kinder entscheiden können, bekommen die Menschen weniger als zwei Kinder. Das spricht m.E. gegen die zumindest implizite Unterstellung, die bösen gesellschaftlichen Umstände hindern die Menschen am Kinderkriegen, was sie eigentlich wollen. In sehr armen Staaten und/oder Gesellschaften, wo die Frauen nicht entscheiden dürfen, hingegen bekommen die Frauen zwar mehr mehr, wobei auch da klare Rückgänge zu beobachten sind. Es macht daher m.E. wenig Sinn, nach nationalen Ursachen zu suchen. Der Rückgang der Geburtenziffern ist ein weltweites Phänomen und betrifft so unterschiedliche Staaten wie Deutschland Taiwan, Brasilien, Iran, Nordkorea und Spanien.

  3. Zum einen gibt es durchaus hochentwickelte Länder wie Frankreich und Schweden auf dem oder nahe dem bestandserhaltenden Niveau. Zum anderen ist aber Deine Aussage gar nicht nur deskriptiv, sondern hat auch eine normative Dimension („Es wäre sinnvoll, zu akzeptieren…“). Und schließlich finde ich die Erwartung fatalistisch und pessimistisch, dass die Menschheit langfristig die Erfindung der Antibabypille nicht überlebt.
    Dass Du politisch links oder linksliberal denkst, habe ich aus Deinen früheren wirtschaftspolitischen Veröffentlichungen geschlossen.

  4. Dass das Weltbevölkerungswachstum zurückgeht, ist gut so, und kein Mensch bestreitet es.
    Die Frage ist aber doch, warum Industrieländer wie z.B. Frankreich und Schweden auf der einen, Deutschland und Japan auf der anderen Seite völlig unterschiedliche demografische Entwicklungen nehmen. Das dürfte u.a. zu tun haben mit unterschiedlichen Anreizen der jeweiligen Steuer-Transfer-Systeme und mit unterschiedlichen infrastrukturellen Bedingungen, die die Vereinbarkeit von Kindern und Berufstätigkeit erschweren oder erleichtern.

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