Die große Arabien-Heuchelei

Mubaraks  Partei war noch bis Ende Januar Mitglied der Sozialistischen Internationale, aber kaum ein Medium findet das der Erwähnung wert. Es ist eh hochpeinlich, wie Politiker und Journalisten in kürzester Frist einen greisen Mann umetikettierten: vom befreundeten ägyptischen Staatspräsidenten zum folternden, mordenden Diktator und Pharao-Zombie. Um über ihren Opportunismus hinwegzutäuschen, solidarisieren sie sich um so angestrengter und wortreicher mit dem Freiheitskampf des ägyptischen Volkes.

Grafik: FAO

Wer sich derart vom Mantel der Geschichte gestreift fühlt, kann sich verständlicherweise nicht auch noch mit  schnöden Alltagsquerelen der Araber abgeben. So ist vielen entgangen, dass 40 Prozent der Ägypter von weniger als zwei Dollar am Tag leben und die steigenden Nahrungsmittelpreise ihnen den Schlaf rauben. Die Revolten in Ägypten und Tunesien sind zum Teil auch dem Umstand zuzuschreiben, dass der FAO-Index der Nahrungsmittelpreise einen historischen Höchststand erreicht und den bisherigen Rekord vom Sommer 2008 noch übertroffen hat (siehe Grafik).

Beim Blick auf die Zeitreihe muss man sich als Mensch des reichen Westens fragen, inwieweit wir zu diesen Preisexzessen beitragen, sei es als Klimasünder mit unseren CO2-Emissionen, sei es, weil wir es den Politikern und Notenbankern gestatten, Geld zu drucken als gäbe es kein Morgen – Geld, dass sich auch in den Rohstoff- und Foodmärkten seine spekulativen Anlagen sucht. Es ist bemerkenswert, wie auch die vielen linkskeynesianischen Freunde des Quantitative Easing und der forcierten Schuldenmacherei ganz selbstverständlich die Ärmsten der Welt für die Malaise leiden lassen wollen, die unsere reiche westliche Welt verursacht hat. Eine Welt, in der mittlerweile die Bevölkerungsmehrheit den Kampf mit dem Übergewicht verloren zu haben scheint. Der gute alte Keynes würde sich im Grabe umdrehen, wenn er das Trauerspiel sähe.

siehe zu diesem Thema auch:

Franz Alt, „Ägypten und Tunesien – die ersten Klima-Revolutionen“ bei Carta

Gerald Braunberger, „Finanzinvestoren an den Rohstoffmärkten“ bei der FAZ

Tomasz Konicz, „Der erste große Klima-Aufstand“ bei Telepolis

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Ein Gedanke zu “Die große Arabien-Heuchelei

  1. Als in Tunesien das Volk den demokratischen Wendepunkt mit der Vertreibung des Präsidenten Ben Ali einleiten konnte, wußten die Despoten anderer arabischer Staaten, dass der Zerfall ihrer Macht mit der Jasminrevolte übertragbar ist. In Ägypten ist dies nun zu sehen gewesen, während in Lybien und Bahrain diese Transformation kurz bevor steht. Ich möchte folgenden Beitrag zur Bedeutung der Jasminrevolte empfehlen: http://2010sdafrika.wordpress.com/2011/01/16/burgerkrieg-droht-in-tunesien-lybiens-blogger-mobilisieren-volk/.

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