Eine wissenschaftsfeindliche „Zeit“

In ihrer aktuellen Ausgabe bringt die „Zeit“ eine Doppelseite zur Klimaforschung und verwendet dabei den Begriff des „Klimawandelleugners“.  Der Beitrag steht ausgerechnet im Buch „Wissen“. Zugleich ist er auch im Netz verfügbar, daraus stammt der Screenshot  „Gehilfen des Zweifels“ unten. Ich habe hier und hier kürzlich schon mal darzulegen versucht, warum das Bestreben, in der Klimadebatte eine Analogie zum Holocaustleugner zu bilden, freiheits- und wissenschaftsfeindlich ist.

Die Wissenschaftsfeindlichkeit, von der Teile der „Zeit“-Redaktion erfasst worden sind, wird an Überschrift und Vorspann des Artikels deutlich. Eine vornehme Aufgabe der Wissenschaft sehen „Zeit“-Redakteure in der Kommunikationsarbeit („Wissenschaft  muss mehr denn je überzeugen“) gegen die „Gehilfen des Zweifels“. Kaum zu fassen! Ohne dass ein Chefredakteur intervenieren würde, dürfen „Zeit“-Autoren Wissenschaft mit Religion verwechseln. 

Wo es um  Religion geht, müssen die Evangelisten gegen Zweifler vorgehen, die an den Fundamenten des Glaubens herumkritteln. In der Wissenschaft ist das anders. Der Zweifel ist unverzichtbar im Methodenkasten des Wissenschaftlers.  Nur Erkenntnisse, die dem systematischen, rigorosen Zweifel standhalten, können als wissenschaftlich gelten. Helmut Schmidt, der geschätzte Herausgeber der „Zeit“ (der selbstverständlich für aktuelle Entwicklungen des Blattes nicht verantwortlich zu machen ist), hat sich aus guten Gründen immer  zu Karl Poppers kritischem Rationalismus bekannt, also zum Falsifikationsprinzip, das dem Zweifel einen Ehrenplatz einräumt. Kurzum, die „Gehilfen des Zweifels“, gegen die die „Zeit“ da zu Felde zieht, das sind – Wissenschaftler.

Gegen Obskuranten, Dogmatiker und religiöse Eiferer ist auch Bertolt Brecht eingetreten, naja jedenfalls meistens. Er hat in den 1930er Jahren ein schönes Gedicht zum Lob des Zweifels geschrieben, das ich hier wiedergefunden habe.

Bertolt Brecht, Der Zweifler

Immer wenn uns
Die Antwort auf eine Frage gefunden schien
Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten
Aufgerollten chinesischen Leinwand, so daß sie herabfiele und
Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der
So sehr zweifelte.

Ich, sagte er uns
Bin der Zweifler, ich zweifle, ob
Die Arbeit gelungen ist, die eure Tage verschlungen hat.
Ob, was ihr gesagt, auch schlechter gesagt, noch für einige Wert hätte.
Ob ihr es aber gut gesagt und euch nicht etwa
Auf die Wahrheit verlassen habt dessen, was ihr gesagt habt.
Ob es nicht vieldeutig ist, für jeden möglichen Irrtum
Tragt ihr die Schuld. Es kann auch eindeutig sein
Und den Widerspruch aus den Dingen entfernen; ist es zu eindeutig?
Dann ist es unbrauchbar, was ihr sagt. Euer Ding ist dann leblos
Seid ihr wirklich im Fluß des Geschehens? Einverstanden mit
Allem, was wird? Werdet ihr noch? Wer seid ihr? Zu wem
Sprecht ihr? Wem nützt es, was ihr da sagt? Und nebenbei:
Läßt es auch nüchtern? Ist es am Morgen zu lesen?
Ist es auch angeknüpft an vorhandenes? Sind die Sätze, die
Vor euch gesagt sind, benutzt, wenigstens widerlegt? Ist alles belegbar?
Durch Erfahrung? Durch welche? Aber vor allem
Immer wieder vor allem anderen: Wie handelt man
Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?

Nachdenklich betrachteten wir mit Neugier den zweifelnden
Blauen Mann auf der Leinwand, sahen uns an und
Begannen von vorne.

Adieu, liebe „Zeit“

Von Klimaforschung habe ich keine Ahnung. Ich bin nicht engagiert  für die eine oder andere Seite. Es kann ja durchaus sein, dass der Mensch durch die rasante Verfeuerung der in Jahrmillionen entstandenen fossilen Brennstoffe eine bedrohliche Erderwärmung verursacht hat – weiß der Teufel. „Focus“ erscheint morgen mit der Gegenthese „Prima Klima“ auf dem Cover. Niemand kann mit dem wünschenswerten Grad an Gewissheit eine Aussage treffen, weil es in der Klimaforschung nur Computersimulationen mit vielfältigen Fehlerquellen gibt, keine wiederholbaren Experimente. Nur eins weiß ich: Mir stellen sich die Nackenhaare auf, wenn ich lese, dass Zweifler als „Klimawandelleugner“ quasi kriminalisiert werden sollen. 

 Die „Zeit“ habe ich mir seit vielen Jahren fast jede Woche am Kiosk geholt.  Solange sie das Wort „Klimawandelleugner“ verwendet, kaufe ich sie ab sofort nicht mehr.

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