Die große Käseglocke

Unter der Berliner Käseglocke haben sich manche  Politiker vom Volk entfremdet.  Ebenso wie manche  Hauptstadtjournalisten, denen immer erst nach Vorlage der Umfragewerte langsam dämmert, wie der deutsche Michel mehrheitlich tickt – etwa, wenn es um Köhlers Rücktritt oder Sarrazins Buch geht. Politik und Publizistik in der Käseglocke: ratlos. Nun plädieren beide dafür, mehr Demokratie zu wagen, mehr direkte Demokratie.  Das ist seltsam.

Ein Großteil der Politik hat sich nämlich seit langem den Gesetzen der Unterhaltungsindustrie unterworfen und schafft es infolgedessen nicht einmal, das Volk in angemessener Zahl zur relativ anstrengungslosen Wahrnehmung seiner Rechte in der repräsentativen Demokratie zu motivieren. Die Wahlbeteiligung sinkt trendmäßig, parallel zum Niveau des Privatfernsehens.

Ein Großteil der Publizistik  kommt schon mit der neuen Art von direkter Demokratie nicht klar, die innerhalb ihrer eigenen Zunft ausgebrochen ist seit jeder dank Web 2.0 publizieren kann.  Der Strukturwandel der Öffentlichkeit beginnt von Neuem.  Meinungsfeste „Alphajournalisten“, Widerspruch nicht gewohnt, sehen ihre Deutungshoheit schwinden und schlagen zunehmend schrillere Töne an.

Keine Missverständnisse: Mehr direkte Demokratie tut not,  mehr aufklärerische Medien tun auch not. Wir brauchen professionelle Politiker, und wir brauchen professionelle Journalisten, die ihnen auf die Finger sehen. Zu Auslaufmodellen dürften jene Politiker und Journalisten werden, die sich unter ihrer Käseglocke gemeinsam über die vermeintlich dumme Bevölkerung grämen. Die Heines „großem Lümmel“ heute wieder „das alte Entsagungslied“ vorträllern, die Wasser predigen und Wein trinken.

Heinrich Heine, Ein Wintermärchen

Im traurigen Monat November war’s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

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