Das demografische Tabu

Zu den Überraschungen der letzten Wochen gehörte, wie viele glaubensfeste Teufelsaustreiber „Die Zeit“ in ihren Reihen hat, von A wie Assheuer bis U wie Ulrich.  Interessanterweise ist ihnen allen aber ein früherer Fall von Sarrazinismus durch die Lappen gegangen. Die verbotene „Stelle“ findet sich sogar unter dem Logo der ehrwürdigen Wochenzeitung selbst, nämlich bei „Zeit online“ vom 16. Februar 2010. „Zeit online“ hatte den ursprünglich im „Tagesspiegel“ veröffentlichten Artikel „Wenn Kinder ein Segen sind“ des Religionswissenschaftlers Michael Blume übernommen. Darin wird unverblümt die Frage aufgeworfen, ob Deutschland sich abschaffe:

„Freilich ist unklar, was vom heutigen Deutschland demografisch, kulturell, wirtschaftlich und politisch überleben wird. Unsere Bevölkerung schrumpft nicht nur, sie implodiert. Und Zuwanderung alleine ist keine Lösung.“

Wer sich in der Demografie ein wenig sachkundig gemacht hat, weiß zwar, dass diese Aussagen Michael Blumes (die Sarrazin so ähnlich formuliert) unbestreitbar sind. Doch wer mochte sich schon sachkundig machen?

Wer sich mit Demografie befasste, wurde  jahrelang in die braune oder zumindest in die „neoliberale“ Ecke gestellt. Der  Politologieprofessor Christoph Butterwegge von der Universität Köln raunte zum Beispiel in dem 2002 erschienenen Buch „Themen der Rechten – Themen der Mitte“ dunkel über den Demografie-Diskurs:

„Hier liegt nach übereinstimmender Auffassung von Neonazis und Führungskräften in Wirtschaft, Politik und Verwaltung ein zentrales, ja existenzielles Problem der Gesellschaftsentwicklung, für das Lösungen vorgeschlagen werden, die mit durch das NS-Regime entstandenen Tabus der öffentlichen Meinungsbildung radikal brechen und gleichzeitig an den Kern demokratischer Grundüberzeugungen rühren.“

Es ist richtig, dass die Demografie durch Nazi-Verbrechen zum kontaminierten Gebiet wurde, es ist auch richtig, dass manches gesellschaftliche Tabu (etwa das Inzestverbot) seine Berechtigung hat. Aber welche Vorschläge aus dem Demografie-Diskurs sollen denn bitteschön „an den Kern demokratischer Grundüberzeugungen“ gerührt haben beziehungsweise  immer noch rühren? Können die Franzosen nach Butterwegges Logik angesichts  ihrer kinderfreundlichen Politik eigentlich noch zu den Demokraten gerechnet werden?

Apropos: In Frankreich wird die demografische Implosion, die sich rechts des Rheins abspielt, deutlich angesprochen.  Yves-Marie Laulan, ein bekannter Essayist, früherer Bankier, ehemals hoher Ministerialbeamter und Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds, veröffentlichte vor fünf Jahren ein Buch unter dem Titel „Allemagne. Chronique d´une mort annoncée“ („Deutschland. Chronik eines angekündigten Todes“).  Laulan sprach nicht schönfärberisch vom demografischen Wandel, sondern nannte die Dinge beim Namen: „Der demografische Niedergang in Deutschland ist unzweifelhaft von besonderer Art. Er hat etwas von Selbstmord an sich, denn er verläuft schneller, schärfer und gezielter als überall sonst.“

Christoph Butterwegge stellt seine Landleute, wenn sie  sich über demografische Defizite sorgen, mal in die rechte, mal in die „neoliberale“ Ecke, wie es  gerade passt. In der Zeitschrift „Marxistische Erneuerung“  schrieb er vor acht Jahren über „Demografie, Migration und Armut als Gegenstandsbereiche sozialer Demagogie“.  Und in der „Zeit“ rückte deren damaliger Redakteur Björn Schwentker  unter Berufung auf Butterwegge noch vor vier Jahren die Demografie-Debatte in die Nazi-Ecke:

„Man mag es für übertrieben halten, wenn der Rechtsextremismusforscher Butterwegge im deutschen Demografiediskurs eine völkische Komponente sieht, die ihn »an die Weimarer Republik kurz vor 1933« erinnert. Aber stutzig macht es schon, wenn man feststellt, wo die semantischen Ursprünge der Auseinandersetzung liegen: Was heute in der Zeitung steht, ist in nicht unerheblichen Teilen das Vokabular Friedrich Burgdörfers. In der Weimarer Republik war er nicht nur einer der prominentesten Bevölkerungsforscher, sondern auch ein Verfechter von Eugenik und Rassenhygiene.“

Da hatten sich also renommierte, über den Verdacht der Nähe zur NPD erhabene Wissenschaftler wie  Franz-Xaver Kaufmann, Meinhard Miegel und Herwig Birg über Jahrzehnte am Demografiethema abgearbeitet.  Die größte deutsche Wochenzeitung hinderte das nicht, einen weit links stehenden „Rechtsextremismusforscher“ zustimmend zu zitieren, der über die  „völkische Komponente“ der Demografiedebatte fabulierte.

Zur Ehrenrettung der politischen Linken ist zu sagen, dass  die Positionen Butterwegges nicht überall geteilt werden.  „Das Demografieproblem ist kein Problem für Spinner oder Träumer“, sagt Manfred Sohn. „Ohne Veränderung der jetzigen Strukturen dieser Gesellschaft führt es mit mathematischer Sicherheit in gesellschaftliches Siechtum.“ Manfred Sohn ist ein promovierter Sozialwissenschaftler, der heute für die Linkspartei im niedersächischen Landtag sitzt und früher DKP- und PDS-Mitglied war.  Unsere Nachfahren, glaubt Sohn, werden es rätselhaft finden,

„dass die Menschen in der Schlussphase des Kapitalismus die beste Zeit ihres Lebens, die einzige, in der der Mensch fruchtbar ist (zwischen 15 und 45), dafür verplempert haben, tonnenschwere Energieumwandlungsmaschinen auf vier Rädern zu bauen und darin, piepende Sprechapparate am Ohr, durch die Gegend zu rasen statt sich in dieser Blütezeit ihrer Jahre dem Wichtigsten und Wertvollsten zu widmen, das es für jedes Lebewesen gibt: dem neuen Leben.“

Tja, der Kapitalismus unterminiert im Akkumulationsfieber die Grundlagen seines eigenen Wachstums – das ist eine Dialektik, an der Linke in Marxscher Tradition eigentlich ihre Freude haben müssten. Die Frage ist tatsächlich, ob man Positionen, die – zum Beispiel – Professor Butterwegge vertritt, noch als „links“ bezeichnen soll. Jedenfalls stellt sich diese Frage demjenigen, der gewohnt ist,  linkes mit aufklärerischem Denken in Verbindung zu bringen.

Und warum verläuft der demografische Suizid, wie Yves-Marie Laulan es nennt, bei uns so schnell, scharf und gezielt? Dafür gibt es sicher verschiedene Gründe. Der wichtigste ist  tabuisiert, nicht zuletzt deshalb, weil die  meisten Journalisten der tonangebenden Medien kinderlos sind: Transferausbeutung der Familien nennt es die vergleichsweise einflussarme Familienlobby, und die Wurzeln des Problems liegen in der Adenauerschen Rentenrefom von 1957.  Konrad Adam hat es vor fünf Jahren so beschrieben:

„Wie es um die Gerechtigkeit bestellt ist, sobald die Familie ins Spiel kommt, hat das bekannte Trümmerfrauenurteil, der Fall der neunfachen Mutter Rosa Rees, der vor Jahren das Bundesverfassungsgericht beschäftigt hat, hinreichend erwiesen. Diese Frau hatte geklagt, weil sie sich nicht damit abfinden wollte, für die 14 Berufsjahre, die ihr nach Abschluß der so genannten Familienphase geblieben waren, mit einem kümmerlichen Alterslohn abgespeist zu werden, während ihre Kinder, beruflich allesamt erfolgreich, dazu gezwungen waren, die Rentenkonten anderer Leute mit insgesamt 8 000 Mark monatlich zu bedienen. Die Urheberin dieses Reichtums mußte leer ausgehen, weil andere fixer waren als sie und dabei vom System auch noch begünstigt wurden. Der damalige Gerichtspräsident, der später Bundespräsident Roman Herzog, kommentierte den Fall seinerzeit mit den Worten: ´Das kann doch nicht wahr sein!´Es ist aber wahr, und was noch schöner ist: es ist bis heute wahr geblieben. Berufsarbeit rentiert sich weitaus besser als jede Form von Familienarbeit; und das, obwohl es doch diese zweite Form von Arbeit ist, die dem System das Überleben sichert.“

Seit Jahrzehnten kommen sozusagen Kinder mit Schuldscheinen im Mund zur Welt, besonders Mittelschichtkinder. Kinder zu versorgen und sie zu anständigen, tüchtigen Menschen zu erziehen, ist die einzige Arbeit in diesem Land, die zwangsweise unentgeltlich verrichtet werden muss. Das Pro-Kopf-Einkommen eines doppelverdienenden Paares ist fünfmal so hoch wie das Einkommen eines Paares mit einem Verdiener und drei Kindern. Am Ende erwirtschaften die Kinder die Renten der kinderlosen Doppelverdiener.

Das ist nicht der einzige, aber der wichtigste Grund dafür, dass dieses Land immer weniger Kinder hat – und damit immer  weniger Zukunft, trotz der Elterngeld-Reformen in jüngster Vergangenheit. Urteile des Bundesverfassungsgerichts zur Benachteiligung von Familien mit Kindern hat die Politik bisher nicht umgesetzt. Bei der Partei, die am meisten von Zukunft und Nachhaltigkeit redet, bei den Grünen, fällt mir übrigens auf Anhieb kein einziger Spitzenpolitiker mit Kindern ein. Bei der Partei, die am meisten von Gerechtigkeit redet, bei der Linkspartei, steht der marxistisch argumentierende Manfred Sohn mit seiner Ansicht zur Demografie allein auf weiter Flur.

Eines steht fest: Solange der Adenauersche Konstruktionsfehler der Rentenversicherung nicht beseitigt wird, kann sich nichts ändern. Ob und wann das Tabu der Familienausbeutung fallen wird, ist eine offene Frage.  

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3 Gedanken zu “Das demografische Tabu

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