Hans-Ulrich Wehler: „Attacke gegen die Meinungsfreiheit“

Was Hans-Ulrich Wehler, der „bedeutendste Sozialhistoriker der Gegenwart“ (Die Zeit),  in Ausgabe 41/2010 der Hamburger Wochenzeitung über Sarrazins Buch und die Folgen schreibt, ist eine schallende Ohrfeige für Merkel, Wulff, Gabriel, Künast und ihre publizistischen fellow travellers:

„Das war im Kern eine von politischen Machtträgern derart massiv vorgetragene Attacke gegen die Meinungsfreiheit und das von offener Diskussion zehrende Gemeinwesen wie sie die Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten noch nicht erlebt hat.“

Wehler ist nicht nur bedeutender Sozialhistoriker. Er ist auch nicht nur, wie Jürgen Kaube in der FAZ schreibt, „der privaten Gesinnung – nicht der Mitgliedschaft nach – Sozialdemokrat, sondern zusammen mit Jürgen Habermas derjenige Intellektuelle, der das sozialliberale Geschichts- und Gesellschaftsbild in den vergangenen fünfzig Jahren wohl am stärksten wissenschaftlich artikuliert hat.“ Wehler macht sich Sarrazins Aussagen zu Genetik und Erbintelligenz nicht zu eigen und hätte es angemessener gefunden, wenn Sarrazin in diesen Teilen im Konjunktiv formuliert hätte:

„Da ich von Genetik überhaupt keine ernsthaft belastbaren Kenntnisse besitze, würde ich mich nie auf Befunde verlassen, die man sich als Laie aus dieser Wissenschaft borgen kann, ohne sie selbstständig kontrollieren zu können … Für eine stringente Argumentation, wie sie auch Sarrazin verlangt, reicht es meines Erachtens völlig aus, sich auf den Einfluss soziokultureller und politischer Faktoren zu stützen.“

Dort aber, bei den soziokulturellen Faktoren, trifft Sarrazin nach Wehlers Ansicht ins Schwarze, dort ist Sarrazins Buch das „Reformplädoyer eines geradezu leidenschaftlichen Sozialdemokraten“. Dort gilt, dass

„nicht wenige Argumente hieb- und stichfest formuliert und die statistischen Befunde schwer zu widerlegen sind. Jahrzehntelang hat die deutsche Einwanderungspolitik nicht auf Qualifikation, Sprachkenntnisse, Integrationswilligkeit geachtet, ganz im Gegensatz zu klassischen Einwanderungsländern wie den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien.“

„Es ist nicht untertrieben zu sagen“, kommentiert Jürgen Kaube, „dass dieser Beitrag der Debatte eine völlig neue Wendung gibt. Sie wird die SPD in fast unlösbare Argumentationsschwierigkeiten bringen – von den nicht-lesenden Verfassungsorganen ganz zu schweigen. Von heute an kann Sarrazins Verlag ein Plakat drucken, auf dem untereinander steht: ´Sarrazins Formulierungen sind überhaupt nicht hilfreich´ (Angela Merkel) – ´Ich habe das Buch nicht gelesen´ (Angela Merkel) – ´Ein Buch kann so verstören, dass manche es gar nicht mehr lesen wollen´ (Guido Westerwelle) – ´Sarrazins Buch trifft ins Schwarze´ (Hans-Ulrich Wehler) – ´Verkaufte Auflage: 1,1 Millionen´.“

Wenn die SPD Sarrazin wirklich rausschmeißen sollte, wird sie sich von dem selbst zugefügten Schlag nie mehr erholen. Sie wird dann die tiefe Wahrheit von Lassalles Diktum zu spüren bekommen, das Thilo Sarrazin und Peer Steinbrück ihren aktuellen Büchern vorangestellt haben:

„Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist.“

Die SPD hat eine Chance. Nur eine.

Die Sozialdemokratie hat selbstverständlich eine Chance, aber nur dann, wenn sie sich – mit Sarrazin! – auf ihre Wurzeln besinnt. Jürgen Kaube drückt es so aus: „Wenn manche Migranten heute ihre Lage schicksalshaft, bildungsfeindlich und nicht von Lernprozessen her interpretieren, steht darum die Sozialdemokratie vor einer ganz neuen Aufgabe. Aber, könnte Hans-Ulrich Wehler sagen, es ist zugleich eine ganz alte. Denn ´Aufstieg durch Bildung´ – notabene: Aufstieg von Individuen, nicht von ganzen Schichten –, das musste die SPD vor hundert Jahren auch im Arbeitermilieu erst einmal erklären.“

Es gab vor vier Jahren schon einmal eine erregte Debatte, als der damalige SPD-Vorsitzende Ulrich Kurt Beck mit Blick auf Deutsche das Soziologenwort „Unterschichten“ in den Mund genommen hatte (das manche anscheinend ständig mit dem Naziwort „Untermenschen“ verwechseln). Es mache ihn wahnsinnig, sagte Beck damals in einem Interview, dass die Durchlässigkeit im Bildungssystem heute geringer als noch in den 1960er und 1970er Jahren sei. Gleiche Bildungschancen  seien mal der Grund gewesen, „warum ich Sozialdemokrat geworden bin.“ In der Tat: Bildung ist ein Schlüssel für – fast – alle Probleme, die das Land und die SPD heute plagen.

Bei Zeit online ist übrigens der Wehler-Beitrag nicht zu finden. Stattdessen lässt sich dort nur ein Christoph Schröder in Claudia-Roth-und-Renate-Künast-Poesie über die Gefühlskälte der Wissenschaft im Allgemeinen und eine Sarrazin-Lesung auf der Frankfurter Buchmesse im Besonderen aus: „Es geht Sarrazin auch nicht um den Menschen oder überhaupt um die Menschen. Die nennt er Einzelfälle, und über die will er nicht sprechen. Es geht um Daten, Statistiken, vermeintliche Fakten. Die hat er nachgelesen und recherchiert und zu einem Buch kombiniert. Das ist der Gipfel der Sachlichkeit.“ Da frage ich mich, ob es an Journalistenschulen eigentlich eine obligatorische Einführung ins Wesen der Statistik gibt.

Liebe SPD, mit der an Esoterik grenzenden grünen Wissenschaftsfeindlichkeit, die bei diesem Schreiber durchscheint, musst Du zukünftig auch ein bisschen strenger sein. Und bei der Gelegenheit: Nachdem Pizza und Pasta trotz Mussolini schon länger rehabilitiert sind, könnten Claudia Roth und Renate Künast, Deine potenziellen Bündnispartner, ja mal erwägen, den Faschismusverdacht gegen Königberger Klopse und Pfälzer Saumagen fallenzulassen. Um der „Deutschenfeindlichkeit“ nicht Vorschub zu leisten, die von Berliner GEW-Lehrern und Neuköllner Sozialarbeitern konstatiert wird.

Nachtrag, 10. Oktober: Der Beitrag von Hans-Ulrich Wehler ist jetzt online.

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