Nationalkonservativer Eiertänzer

Thomas Strobl gibt immer noch die weitere Steigerung der Staatsverschuldung als ein linkes Projekt aus. „Vergesst die Staatsschulden“, raunt er zum zweiten Mal und beruft sich, als könnte dies Argumente ersetzen, auf den „Chefökonomen“ der Financial Times. Strobl hat vor der letzten Bundestagswahl für die Linkspartei Stellung bezogen, doch was der Finanzmarkt-Ösi aus Hamburg von sich gibt, klingt nationalkonservativ, klingt geradezu wilhelminisch („Ich kenne keine Parteien mehr …“). Die Deutschen, sagt Strobl, befänden sich trotz Staatsverschuldung in einer Nettogläubigerposition.

Dazu gibt es vor allem zweierlei zu sagen:

Erstens gibt es die Deutschen natürlich nicht, für Linke schon gar nicht. Das materielle Vermögen ist bekanntlich extrem ungleich verteilt. Das private Vermögen haben die Reichen, während die Armen und die Mittelschichten auf die eine oder andere Weise die Staatsschulden abtragen werden. Höchst ungleich verteilt ist aber auch das  immaterielle Vermögen.  Wir nehmen es hin – siehe die drei Pisa-Studien -, dass die Bildungskluft bei 15-Jährigen größer ist als in jedem anderen OECD-Land und dass ein Fünftel eines Jahrgangs sich wegen mangelnder Ausbildungsfähigkeit auf Hartz IV vorbereitet. Viele junge Deutsche fühlen sich eher als Europäer, auch Strobl selbst lebt ja offenbar ganz gern im Ausland. Will Strobl in ein paar Jahren eine Mauer bauen, um die an Geld-, Sach- oder Humanvermögen reichen Deutschen im Lande zu halten?

Zweitens wurde das demographische deficit spending in Deutschland wesentlich weiter getrieben als in anderen Ländern. Besonders Frankreich und die USA sind in dieser Hinsicht überhaupt nicht mit Deutschland vergleichbar und können daher mehr explizite Staatsverschuldung in Kauf nehmen als Deutschland. Die Tatsache, dass deutsche Babyboomer sich nur zu zwei Dritteln reproduziert haben, schlägt sich in einer vergleichsweise hohen so genannten impliziten Staatsverschuldung nieder, die um ein Mehrfaches die offiziell ausgewiesene Staatsschuld übersteigt.

Statt  soziologische und demographische Aspekte einzubeziehen, eiert Strobl in seinen dogmatisch verfilzten Lehrbuch- und Literaturparzellen herum. Er bemüht z.B. den Keynesianer Abba P. Learner mit Aussagen aus dem Zweiten Weltkrieg. Strobl argumentiert gar nicht keynesianisch, denn Keynessche Antizyklik sieht eine Rückführung der Staatsverschuldung im Aufschwung vor, und das deutsche BIP wird nächstes Jahr entsprechend den Prognosen um 2 % wachsen.

Mit Aufklärung hat Strobls Argumentation nichts zu tun. Wer Aufklärerisches sucht, sollte die aktuelle Ausgabe des Economist kaufen. Dort wird analysiert, wie die reichen Industriestaaten ein Vierteljahrhundert lang allen Problemen mit einer Ausweitung von Krediten begegnet sind. Und warum das in eine Zwickmühle geführt hat.

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5 Gedanken zu “Nationalkonservativer Eiertänzer

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