Facebook ohne Geschäftsmodell

This time is different, heißt es nun wieder, diesmal sei alles anders als bei der letzten großen Blase. Facebook wachse rasend schnell, habe viele Nutzer und binde sie sogar länger als Google – so lautet das Argument der Facebook-Euphoriker.  

Der Business Insider bringt zum Beispiel acht Charts, die belegen sollen, dass Facebook 50 Milliarden Dollar wert sei. Besonders lustig ist das unten abgebildete: Hohe Nutzungsfreqenzen und Nutzungszeiten verdankt Facebook demnach nicht zuletzt juvenilen Gamern, die stundenlang herumdaddeln, statt Schularbeiten zu machen. Wohlgemerkt: Das soll ein Pro-Argument sein.

Quelle: Business Insider

Als Idee zur Monetarisierung der Nutzermassen wird Werbung genannt. Aber:  Dass dort, wo Menschen viel Zeit verbringen, auch stets viel Werbung läuft, ist einfach dummes Zeug. Wäre es so, müssten zum Beispiel die Radiostationen seit Jahrzehnten höhere Werbeeinnahmen haben als die Zeitungen und Zeitschriften. Die Mediennutzungszeit ist seit eh und je beim Hörfunk höher als bei periodisch erscheinenden Printmedien.

Viel Zeit verbringt der Mensch auch in seinem Schlafzimmer. Dort haben gewisse Formen der Werbung traditionell ihren Platz, doch handelt es sich dabei zum kleineren Teil um Kommerz. Die Soziologie kennt seit Ferdinand Tönnies die beiden Pole Gemeinschaft und Gesellschaft. Gemeinschaft steht für Familie oder Freundschaft. Den Widerpart bildet Gesellschaft, und eine idealtypische Ausprägung ist der Markt. Wie der Markt im Allgemeinen zwingend darauf angewiesen ist, dass er einen Widerpart findet – wo alles käuflich wird, ist am Ende nichts mehr käuflich –, so bestimmt jedes Individuum für sich im Speziellen, wo die Sphäre der Gesellschaft (z. B.  Markt) endet und die Sphäre der Gemeinschaft (z.B. Freundschaft) beginnt.  

Vermischung, Versuchung und Verwirrung gibt es immer wieder. Das gilt online wie offline. Kluge  Eltern raten aber zum Beispiel ihren halbwüchsigen Sprößlingen davon ab, scheinbar lukrative Nebenjobs anzunehmen, die auf den Verkauf von Versicherungspolicen im Freundeskreis hinauslaufen.  Das „Überquellen des Marktes und seiner Maßstäbe auf Bereiche, die jenseits von Angebot und Nachfrage liegen sollten“, schrieb Wilhelm Röpke vor einem halben Jahrhundert, mache das Leben „unerträglich, hässlich, würdelos und langweilig.“ 

Vor diesem Problem stehen alle Social Networks,  die als Privatunternehmen Gewinne machen, aber den Nutzer nicht zahlen lassen wollen. Die Facebook-Leute hatten schon vor Jahren ihre Beacon-Erfahrung, sie wissen also, wie schmal der Grat ist, auf dem sie wandeln. Vermutlich ist Facebook jetzt im Zenit, ebenso wie der Hype um Social Media Marketing,  und es soll, da das Börsenumfeld freundlich anmutet,  schnell Kasse gemacht werden. Goldman Sachs verteilt laut NZZ an geneigte Investoren “geheime” Geschäftsberichte, in denen über die Umsatzquellen nur Nebulöses verlautbart werde. Anscheinend wird momentan Liquidität bei Sugar Daddies abgegriffen, die Facebook aus Erzählungen der Enkel kennen. Von einem nachhaltigen Geschäftsmodell keine Spur.

So hart urteilt der Economist noch nicht einmal. Und sagt doch: “Still, at $50 billion Facebook looks rather expensive. If its sales really are $2 billion a year, that implies that Goldman and DST are paying 25 times current revenues for their shares. That would be a breathtakingly steep multiple, even by the giddy standards of the start-up world.”

3 Antworten auf Facebook ohne Geschäftsmodell

  1. Die genannte Summe ist vollkommen absurd. Sie erscheint willkürlich geschöpft. Das erinnert stark an die Blasenbildung des Neuen Marktes 1999/2000, als irgendwelche Dotcom-Unternehmen auch Milliarden wert gewesen sein sollen. Facebook basiert auf kostenlose Applikationen, von denen der User nicht merkt, dass mit ihnen ihre Daten weitergegeben werden. Sobald eine “Glücksnuß” auch nur zwei Cent kostet, wird das niemand mehr machen. Und bisher kann der Benutzer mit Geschick seine Privatsphäre so schützen, dass die Werbung mehr oder weniger verpufft. Wenn das aufgehoben wird, würden immer mehr Benutzer abspringen.

  2. Ja, so ist es. Sehe gerade, dass Douglas Rushkoff bei CNN am 7. Januar einen Artikel “Facebook hype will fade” mit ähnlichem Tenor veröffentlicht hat:

    http://edition.cnn.com/2011/OPINION/01/07/rushkoff.facebook.myspace/

    Auszug:

    “Yet social media is itself as temporary as any social gathering, nightclub or party. It’s the people that matter, not the venue. So when the trend leaders of one social niche or another decide the place everyone is socializing has lost its luster or, more important, its exclusivity, they move on to the next one, taking their followers with them. (Facebook’s successor will no doubt provide an easy “migration utility” through which you can bring all your so-called friends with you, if you even want to.)

    We will move on, just as we did from the chat rooms of AOL, without even looking back. When the place is as ethereal as a website, our allegiance is much more abstract than it is to a local pub or gym. We don’t live there, we don’t know the owner, and we are all the more ready to be incensed by the latest change to a privacy policy, or to learn that every one of our social connections has been sold to the highest corporate bidder.”

  3. Pingback: Die UNO soll Facebook übernehmen « Daniel Daffke

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