Schweigespirale in Aktion

„Niemand weiß“, schreibt Hans-Ulrich Jörges im aktuellen Stern, „wie groß der AfD-Eisberg unterhalb der Wasserlinie ist – und was davon am Ende, bei der Wahl am 22. September, in die Urnen hereinbricht.“ Jörges bezieht sich auf Forsa-Chef Manfred Güllner. „Die kriegen Zulauf“, beobachtet Güllner. Über die gemessenen Umfragewerte, die bekennenden Wähler hinaus, sei mit einer Dunkelziffer verdeckter Sympathisanten zu rechnen. Während die Medien zuletzt  Werte zwischen zwei und drei Prozent für die AfD in der „Sonntagsfrage“ veröffentlichten, halten Jörges und Güllner der Einzug der AfD in den Bundestag für durchaus möglich.

Es wäre tatsächlich plausibel, wenn die AfD in geheimer Wahl  mehr Zustimmung erhielte als im öffentlichen Raum und in repräsentativen Umfragen. Gegen die liberal-konservative Professorenpartei, die feste Wechselkurse in Europa für verfehlt hält, wird nämlich allen Ernstes der  “antifaschistische Kampf” geführt – auch unter Beteiligung von Jusos und Grüner Jugend.  Diversen Presseberichten zufolge werden Kandidaten der AfD und ihre Familien massiv bedroht. Info-Stände können, wie jüngst in Göttingen, nur unter Polizeischutz stattfinden.

Es gehört demnach eine Portion Mut dazu, sich gegenüber einem Interviewer zur AfD zu bekennen. Unter solchen Umständen findet  die Noelle-Neumannsche Schweigespirale gute Wirkungsvoraussetzungen. Das heißt konkret: Die AfD könnte am 22. September tatsächlich signifikant mehr Wählerstimmen bekommen als es Bekenner gibt. An der Wahlbörse von Prognosys – hier kann sich jeder anonym beteiligen, muss dabei aber richtiges eigenes Geld einsetzen – wird die AfD gegenwärtig mit immerhin 5,4 Prozent gehandelt.

Unbenannt

Konsum ist die neue Leistung (2)

Dass manche Journalisten, durch den Vulgärkeynesianismus verwirrt, zwischen der Angebots- und Nachfrageseite der Wirtschaft nicht mehr unterscheiden können und uns daher im Schlaraffenland wähnen, hatte ich vor einiger Zeit hier schon einmal festgestellt. Mittlerweile hat sich die Verwirrung offenbar viral weiter ausgebreitet und sogar den Finanzteil der FAZ infiziert.

Unbenannt

Im Devisenmarktbericht vom 5. Juni 2013 erfährt der staunende Leser, dass in den USA “Verbraucher den Löwenanteil zur Wirtschaftsleistung beitragen”.

Feine Sache, der Fortschritt: Früher spuckte man in die Hände, um das Sozialprodukt zu steigern, heute reicht es zu shoppen -:)

Vermögen. Mal so, mal so.

Manchmal kennt der FR-Journalist Robert von Heusinger die Vermögensverteilung “im Westen” ganz genau, sogar zu verschiedenen Zeitpunkten. Das klang vor zwei Jahren so:

“Den Reichen und den Firmen im Westen geht es so gut wie noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Vermögensverteilung ist wieder da, wo sie zu Beginn der großen Krise in den 30er-Jahren war.”

Dann wieder ist Vermögen für Robert von Heusinger ein Mysterium. Genauer gesagt, ist dies dann der Fall, wenn Ergebnisse einer aktuellen Vermögensstudie der EZB sich partout nicht seinem Weltbild fügen mögen. Das klingt dann so:

 „Man muss diese Zahlen einordnen, weil Vermögen eine volkswirtschaftliche Kategorie ist, die unglaublich schwierig zu fassen ist. Um ehrlich zu sein: Es gibt keine gesamtvolkswirtschaftliche Bilanz aller finanziellen, materiellen und immateriellen Güter.“

Eine volkswirtschaftliche Gesamtbilanz liefert die amtliche Statistik sehr wohl, wie hier nachzulesen ist. Doch das nur nebenbei. Die Bewertung diverser Aktiva und Passiva, da hat der FR-Redakteur völlig Recht, ist in der Tat “unglaublich schwierig”. Erstaunlich nur, dass gleichwohl der Schwierigkeitsgrad für ihn volatil wie der Bitcoin-Kurs zu sein scheint.

Auch der grüne Europa-Abgeordnete und Attac-Mitgründer Sven Giegold hat mit der EZB-Studie ein Problem. Er findet den Vermögensbegriff der Studie zu eng und schreibt:

“Vermögensgleiche Rechte wie die Forderungen aus Renten- und Sozialversicherungen und andere staatliche Leistungen, wie beispielsweise der Zugang zu kostenloser Bildung, wurden nicht in das Vermögen eingerechnet. In Deutschland trägt das Sozialsystem aber maßgeblich zum hohen Lebensstandard der BürgerInnen bei. Darüber hinaus ist in Deutschland die Notwendigkeit, Vermögen zum Schutz vor Notlagen und zur Altersvorsorge aufzubauen, aufgrund des gut ausgebauten Sozial- und Rentensystems geringer als in anderen europäischen Ländern.”

Da sehe ich Sven Giegolds Parteichefin Claudia Roth schon vor meinem inneren Auge, wie sie in Berlin eine Gruppe von Langzeitarbeitslosen mit dem neuen grünen Vermögensbegriff vertraut macht. Und anschließend der Presse erklärt, dass es mit der Ungleichverteilung des Vermögens in Deutschland nach der neuen Giegoldschen Rechnung  nicht annähernd so schlimm sei, wie sie früher geglaubt habe.

Was Oskar Lafontaine über Politikergehälter sagte

Debatten über Politiker- vs. Managergehälter? Alles schon mal dagewesen. Nicht nur, dass Sigmar Gabriel vor acht Wochen fast wortgleich dasselbe sagte wie jetzt Peer Steinbrück in dem von Medienleuten unnötig skandalisierten FAS-Interview. Schon im Juni 1992 veröffentlichte der Spiegel (Heft 24) ein Streitgespräch zwischen dem damaligen SPD-Politiker Oskar Lafontaine und dem Kölner Soziologen Erwin K. Scheuch. Weiterlesen

Demokratie-Abgabe für den Rudeljournalismus?

Im aktuellen Stern 1/2013 beklagt Hans-Ulrich Jörges den um sich greifenden “Rudel- journalismus” und erinnert noch einmal daran, dass vor einem Jahr Christian Wulff “von einer Medien-Stampede niedergetrampelt wurde, wie sie mit dieser Wucht und Gleichförmigkeit noch nicht zu erleben war.” Jetzt läuft eine ähnlich massive Kampagne gegen Peer Steinbrück. Der Mann kann sagen, was er will, die Medienmeute findet immer einen Dreh, die Empörungs- maschinerie anzuwerfen und einzelne seiner Aussagen zu skandalisieren. Und wie im Fall Wulff sind auch bei der diesjährigen Winter-Stampede die GEZ-Medien vorn dabei. Weiterlesen