“Bild” schafft sich ab

Aus gegebenem Anlass habe ich mal in meiner Eigenschaft als Wutbürger eine kleine Prognose für die Bildzeitung erstellt. Und, was soll ich sagen: Spätestens 2032 ist endgültig Schluss. Nicht weil Bundesdiktator Wulff die Pressefreiheit abschafft, sondern weil kein Mensch das “Drecksblatt” (Helmut Kohl) noch kaufen will.

Die verkaufte Auflage von Bild (rote Kurve) folgt einem linearen Abwärtstrend (schwarze Linie), der übrigens deutlich steiler verläuft als bei jenen seriöseren Printmedien, die sich in den letzten Tagen als Bild-Hiwis lächerlich machten. Gemäß Trendfunktion verliert Bild jedes Jahr knapp 130.000 Exemplare. Die Fortschreibung des Trends zeigt, dass 2032 nichts mehr übrig bleibt. Tatsächlich käme die Einstellung wohl früher – aufgrund von Skaleneffekten und beschleunigt wegbrechenden Werbeeinnahmen.

Ein paar Stimmen zum Spektakel der letzten zehn Tage:

Michael Spreng: ”Das Medienkarussell dreht sich mit immer schnellerer Geschwindigkeit und gebiert Peinlichkeiten und Absurditäten ohne Ende.”

Stephan Weichert: ”Was wir derzeit erleben, ist eine schlimme Ausgeburt des gehobenen Stimmungsjournalismus in Deutschland, der sich aus gefühlten Wahrheiten, Wichtigtuerei und Abfälligkeiten gegenüber Berufspolitikern speist.”

Wolfgang Storz/Hans-Jürgen Arlt: ”Dass die Qualitätsmedien nicht kritisieren, sondern mitmachen, wenn ´Bild´ sich Personen und Ereignisse für seine Selbstvermarktung zurecht legt, schadet der Demokratie mehr als das Geschnorre des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten.”

Stefan Niggemeier: ”Was für eine bizarre Situation: In der ARD-Talkshow zitiert Jauch, was der ´Spiegel´ unter Berufung auf Springer über Wulffs Anrufe bei Diekmann und Vorstandschef Mathias Döpfner schreibt, und fragt Blome, ob das richtig sei. Was der ´Spiegel´ schreibt. Was er von Springer weiß. Und Blome bestätigt es.”

Heribert Prantl: ”So gnädig Christian Wulff in der Kreditaffäre zu sich selbst ist, so gnadenlos sind die Medien im Umgang mit dem Bundespräsidenten. Dabei wiederholen sich die Kritiker und verbreiten teils blühenden Unsinn. Gefährlich wird es, wenn aus dem Streit eine Machtprobe zwischen Presse und Bundespräsident wird.”

Ulrich Schmid: ”Die deutschen Medien haben in der Affäre Wulff lange Zeit eine konstruktive Rolle gespielt. Ihre Pflicht ist die Aufklärung, nicht der Schutz des Staatsoberhaupts vor ´ungehörigen´ Attacken. In den letzten Tagen allerdings scheint die Gier danach, Wulff zur Strecke zu bringen, die klare Sicht zu trüben. Man wiederholt sich. Winzigkeiten aus dem Privatleben der Wulffs werden zu Skandalen aufgebauscht. Es hat etwas Zwanghaftes, Kleinliches. Die permanente Entrüstung klingt unecht, denn Wulff hat nicht immer und überall niederträchtig gehandelt. Die Art, in der triviale Medien eine winzige Demo selbstgerechter Schuhwerfer zum Volkstribunal stilisierten, war beschämend.”

Dirk Elsner: Man kann nach beliebigen Antworten dem Diskursgegner (hier also Wulff) stets weiter Intransparenz und die Zurückhaltung von Antworten vorwerfen, weil jede Antwort Ansatzpunkte für neue Fragen ermöglicht. Vielleicht geht es sogar so weit, Wulff vorzuhalten, es sei nicht offen, weil er nicht offengelegt habe, ob er bei seinen freundschaftlich verbundenen Gastgebern die Eier hart oder weich serviert bekommen hat.

Konsum ist die neue Leistung

Welche Verwirrung der Vulgärkeynesianismus manchmal anrichtet, lässt sich in der Jahresendausgabe des Spiegel besichtigen. In einer Konjunkturgeschichte des Wirtschaftsressorts („Europas Musterknabe“) stößt der Leser auf folgende Passage (S. 23), für die gleich vier Verfasser verantwortlich zeichnen:

„Der private Verbrauch spielt in den USA eine viel gewichtigere Rolle als in Europa. Mehr als 70 Prozent der Wirtschaftsleistung gründet auf dem Konsum.“

Wenngleich die kreislauftheoretische Bedeutung aller Nachfrageaggregate unbestreitbar ist, verhält es sich selbstverständlich genau umgekehrt: Konsum gründet sich auf wirtschaftliche Leistung. Außerhalb des Schlaraffenlandes jedenfalls.

Es handelt sich bei der Passage im Spiegel nicht um eine vereinzelte Sprachschlamperei, sondern um einen im linksliberalen Milieu verbreiteten systematischen Denkfehler. So gab zum Beispiel der Journalist Wolfgang Michal kürzlich in seinem Blog hinsichtlich einer anderen konsumfreudigen Volkswirtschaft folgendes zum Besten: 

„Denn Griechenland hat keine wettbewerbsfähige Industrie, keine nennenswerte Forschung, keine ´Exzellenzcluster´. Im Gegensatz zu anderen (exportstarken) europäischen Volkswirtschaften ist das Land vor allem auf den privaten Konsum angewiesen – er macht über 70 Prozent der Wirtschaftsleistung aus.“

Hey, liebe Freunde, dann ist ja alles in Butter. Griechen und Amerikaner werden mit ihrer eindrucksvollen Konsumleistung im neuen Jahr die Weltwirtschaft retten.

Euromantische Nebelwerfer

“Die Wall Street greift an” verkündet die  ”Zeit” heute reißerisch im Boulevardstil auf ihrer Titelseite. Wer dann in den entsprechenden Beitrag des Wirtschaftsteils schaut, findet zum angeblichen Angriff der “bösen” Wall Street auf den “guten” Euro – nichts.

Außer diesem wirklich lustigen Hinweis (Hervorhebung von mir):

 ”Die Geldgeber haben ihr Urteil bereits gefällt. Sie ziehen aus vielen Ländern ihr Kapital ab. Vom `Angriff der Wall Street´auf den Euro ist die Rede, von den unerbittlichen Finanzmärkten, die nach Griechenland, Irland, Portugal und Spanien nun auch Italien ´auf Korn´nähmen. Von den amerikanischen Großbanken, die den Euro schwächen wollten, damit der Dollar weiter die Devisenmärkte dominieren könne. Es sind auch Europas Politiker, die die Botschaft unters Volk streuen. Seht her, wir unternehmen doch alles, um unsere Währung zu retten, soll das heißen – und es sind die Spekulanten, die alles zerstören.”

Und die sich seriös gebende ”Zeit”  salviert auf ihrer Titelseite das  Haltet-den-Dieb-Geschimpfe der Politiker gegen die ”Spekulanten”,  das vom Versagen der Politik ablenken und die Bevölkerung auf weitere Notopfer zur “Eurorettung” einschwören soll.

Wer die “Spekulanten” in Wirklichkeit – auch – sind, offenbarte am letzten Montag Peter Schneider, Aufsichtsrat der von Politikern kontrollierten Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), im Interview mit dem Handelsblatt. Auf die Frage, ob die LBBW Griechenland-Anleihen abstoße, erläuterte Schneider: “Das erfolgt im Moment in jedem Haus. In jedem Aufsichtsrat wird gefragt: Habt ihr Griechenland-Anleihen? Warum verkauft ihr nicht.”

Schuldenabbau hat noch gar nicht begonnen

Im Januar 2010 hatte McKinsey Global Institute  “Debt and Deleveraging” veröffentlicht, eine bemerkenswert klare, 94-seitige Studie über “die globale Kreditblase und ihre ökonomischen Folgen”. Ein komplettes Update ist für den Herbst angekündigt, ein paar wichtige Daten wurden schon jetzt fortgeschrieben – siehe die Grafik unten.

Die Grafik zeigt, wie sich die Gesamtverschuldung der inländischen Sektoren (Privathaushalte, Unternehmen, Finanzsektor und Staat) in Relation zum BIP während der letzten beiden Jahrzehnte entwickelt hat. Unschwer ist zu erkennen, dass die großen früh industrialisierten Länder bis 2008 den “Pumpkapitalismus” (Ralf Dahrendorf) in einem für Friedenszeiten bis dato nicht bekanntem Maße vorantrieben. Seit 2008 ist  die Schuldenquote in den meisten Ländern nicht im bisherigen Tempo weiter gestiegen. Ein nennenswerter Schuldenabbau wurde aber auch nicht erreicht. Vielfach wurde bloß umgeschichtet – der Staat sprang für die Privaten in die Bresche. Einen Sonderfall bilden offenbar die Franzosen, die nach Lehmann noch geraume Zeit weiter in die Schuldenfalle gerannt sind. Wer weiß, ob nicht  Jean-Claude Juncker und die anderen Euroretter demnächst mit der Feuerpatsche Großbrände auf der anderen Rheinseite zu löschen versuchen.  Entschuldungsprozesse, sagen die McKinsey-Leute, seien stets sehr schmerzhaft und historische Erfahrung lehre, dass es sechs bis sieben Jahre dauere, die Gesamtschuldenquote um ein Viertel abzusenken.

Aber bei uns soll ja nun – Spaß muss sein –  in Erwartung der nächsten Bundestagswahl erst mal ein  Rettungsschirm für die FDP gespannt werden, auch wenn 70 Prozent der Bevölkerung das ziemlich bescheuert finden.

Mitten im Aufschwung finden unsere famosen Patentliberalen es völlig ausreichend, wenn die Neuverschuldung – ja wir machen noch immer viele Milliarden Neuschulden! – ein bisschen niedriger ausfällt als vor einiger Zeit erwartet.  Sie wollen Steuern senken, ohne Ausgaben zu kürzen, also ein Wahlgeschenk auf Pump machen, obwohl die deutsche Staatsschuldenquote schon gut 20 Prozentpunkte über der Maastricht-Grenze liegt.

So müssen Haushaltskonsolidierung und staatlicher Schuldenabbau halt noch ein bisschen warten. Wer den FDP-Generalsekretär gestern im Stile eines leicht übermotivierten Fähnleinführers im Fernsehen zum Steuerthema argumentieren hörte, konnte sich fast schon seinen Ex-Chef Westerwelle zurückwünschen.

Die Politik der Wanderblasen

Medien und Politiker wollen uns immer noch weismachen, gierige Bonusbanker hätten ganz allein die Weltwirtschaft ins Unglück gestürzt. In Wirklichkeit führt jedoch das Wachstums-Mantra der Politik die hochentwickelten Ländern  immer tiefer in den Schlamassel. Das zeigen Andreas Hoffmann und Gunther Schnabl in einem lesenswerten Beitrag über Geldpolitik und wandernde Blasen, der jetzt in in der Ökonomenstimme veröffentlicht wurde.  Hoffmann und Schnabl argumentieren, dass die Zentralbanken seit Jahrzehnten im Abschwung mit starken Zinssenkungen reagieren, im Aufschwung aber nur zögerlich die Zinsen anheben. Die Geldpolitik ist daher asymmetrisch, ähnlich wie die Fiskalpolitik auch. Der Zinstrend zeigt seit 1980 nach unten.  Beide, Geld- und Fiskalpolitik, werden asymmetrisch eingesetzt – weil nicht sein kann, was nicht sein darf: Das Wirtschaftswachstum darf nicht enden, nie und nimmer. Nicht mal, wenn die Bevölkerung schon schrumpft. Wahnsinn mit Methode eben.

Quelle: Andreas Hoffmann/Gunther Schnabl, Auf eine Blase folgt eine Blase folgt eine Blase

 

Die Zinsabsenkung führt seit Jahrzehnten zu zyklischen Überinvestitionskrisen. Und wenn die Geldpolitik beim Nullzins angekommen ist, muss die Fiskalpolitik ran – notfalls wird Geld gedruckt.  Asymmetrische Geld- und Fiskalpolitik (die sich zu Unrecht teilweise auf Keynes beruft) produziert seit Jahrzehnten globale Wanderblasen in wechselnden Assetkategorien. Die asymmetrische Geldpolitik in Reaktion auf Krisen erleichtere zwar die Rückzahlung von Krediten durch die Krisenopfer, schlussfolgern die Autoren.

 ”Doch die Kosten von nationaler Krisen werden in Form höherer Finanzmarktvolatilität und zukünftiger Inflation verschoben, verschleiert und willkürlich verteilt. Wir empfehlen deshalb auf Grundlage der Theorien von Mises, Hayek und Minsky, die Abkehr von der sehr expansiven und asymmetrischen Geld- und Finanzpolitik, auch wenn diese schmerzhaft ist. Denn bringen die Zentralbanken den erforderlichen Mut zum Ausstieg nicht auf, ist die jüngste griechische Tragödie nur ein Meilenstein auf einer langen Schleife Boomphasen, Krisen und monetären Rettungsaktionen, die uns unweigerlich in eine Welt von Inflation und Stagnation führen wird.”

Schrumpft Facebook?

Facebook hat bestätigt, dass es in einigen Ländern nicht mehr wächst. Wenn man sich allerdings die Daten aus Googles Ad Planner für Deutschland ansieht (Grafik unten), ist das womöglich eine Beschönigung. Danach schrumpft nämlich das Netzwerk – wenn nicht nach registrierten Nutzern, so zumindest nach Intensität der Nutzung: Die Zahl der täglichen Besucher ist im April 2011 niedriger als im Januar. Im entsprechenden Vorjahreszeitraum hatte es dagegen noch ein strammes Wachstum gegeben.

Besucher von facebook.com aus Deutschland laut Ad Planner

Sicher, die wenigen Werte am aktuellen Rand verdienen zunächst mal eine vorsichtige Interpretation. Vielleicht sind es ja Ausreißer. Möglicherweise hat aber auch die Facebook-Müdigkeit, die  irgendwann zu erwarten war, jetzt bereits eingesetzt. Auch Realisten wie Becker/Joerges, die mit Social Media Geld verdienen, rechnen mit einer Abkühlung des Hypes entsprechend dem Gartner-Modell:

“Demnach sind wir gerade am ´Peak of Inflated Expectations´ bzw. dem ´Gipfel der überzogenen Erwartungen. Bitter, aber vermutlich Realität, denn demnächst wird es via ´ Tal der Enttäuschungen´ zum ´Pfad der Erleuchtung´ gehen um letztendlich dann doch auf dem ´Plateau der Produktivität´ zu landen. Wir wissen nicht, wie sich das in realen Nutzerzahlen niederschlagen wird, klar ist nur eines: Es wird rapide bergab gehen, um sich irgendwann auf einem realistischen Level einzupegeln.”

Das klingt  plausibel, allerdings kann das einzelne Social Network auch noch wesentlich tiefer stürzen,  wie man etwa  bei StudiVZ beobachten kann (siehe Grafik). Von einer Sympathiewelle wird Facebook in Deutschland offensichtlich nicht getragen. Schon gar nicht nach der neuesten Attacke auf die  ”Fressefreiheit” . Glaubt man einer Imageanalyse des Kölner Unternehmens YouGov Psychonomics, so bewegen sich die Imagewerte der Marke Facebook mit -7 BrandIndex-Punkten deutlich im negativen Bereich. Andere Online-Marken wie Google oder Amazon erreichen mit mehr als 80 Brandindex-Punkten ungleich bessere Werte. Die BrandIndex-Skala reicht von -100 bis +100 Punkten.

Besucher von StudiVZ aus Deutschland gemäß Ad Planner

Wie Zielgruppen nach dem Muster der 16-jährigen Tessa aus Hamburg-Bramfeld mit ihren 1.500 via Facebook akquirierten angeschickerten Partygästen jemals genug Werbeerlöse einspielen sollen, um die Bewertung des Unternehmens von 100 Milliarden Dollar zu rechtfertigen, weiß der Himmel. Was “Hirnduebel” da gerade twittert, hieße zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: “Facebook ist angeblich 100 Milliarden wert. Man sollte es den Griechen schenken.”


 
 

Die UNO soll Facebook übernehmen

Es geht wieder zu wie in den wilden Zeiten der New Economy. Damals konnte ein Paid-to-Click-StartUp wie AllAdvantage.com, fast 200 Millionen Dollar Risikokapital einsammeln und damit den gemeinen Surfer für das Betrachten von Werbung bezahlen. Bis das Geld verballert war und die Börsenblase platzte. Gegenwärtig dreht sich vieles um gekaufte Facebook-Fans. In Ermangelung eines soliden Geschäftsmodells werden vor dem geplanten Börsengang bei Facebook ohne Ende Marketing- und Werbespielchen aufgepumpt. Dafür braucht es Anabolika bis zum Abwinken. “Geldverdienen durch Seiten mögen” verspricht neuerdings Fanslave.com.

 Natürlich ist Fanslave entgegen seiner Behauptung keineswegs der einzige Anbieter, der bezahlte Claqueure anheuert. 166 Millionen Treffer wirft Google aus, wenn man “buy facebook fans” eingibt. Der Fachredakteur Olaf Kolbrück hat kürzlich Einzelheiten über gefälschte und gekaufte Facebook-Fans recherchiert.

Die faszinierenden neuen Möglichkeiten der sozialen Netzwerke werden durch getarnten Kommerz und Schleichwerbung hoffnungslos kontaminiert. Facebook könnte daran eines Tages zugrunde gehen. Too big to fail ist nämlich in der digitalen Wirtschaft niemand, wie man am Beispiel von AOL oder MySpace studieren kann. Man muss nicht staatsgläubig  sein, um Martin Weigerts Forderung nach einer non-profit-alternative plausibel zu finden. Also Marc Zuckerberg:  Gib das soziale Netzwerk den Vereinten Nationen!

Schwurbel-Europäer machen alles nur schlimmer

Wenn einer schreibt,

“dass die Griechen, Spanier und Portugiesen nicht ´über ihre Verhältnisse´ gelebt haben, sondern dass ihre Probleme mit den wirtschaftlichen Ungleichgewichten der Eurozone zusammenhängen”,

dann macht er aus Absicht oder Unvermögen die Realität durch Sprache unkenntlich. Es ist  der alte Ösi-Schwurbler Robert Misik, der da in der taz über ominöse “Ungleichgewichte” fabuliert. Selbstverständlich haben die Südländer dank Euro eine zeitlang mehr konsumieren können als dem “Gleichgewicht” gut tat.  Sie haben, mit anderen Worten, über ihre Verhältnisse gelebt.

Traurig für die taz, dass sie solchen Käse bringt. Zumal Misiks Thema eigentlich wirklich wichtig ist: Die Idee der europäischen Einigung kann leider dank der fehlkonstruierten Währungsunion und dem ungeschickten Agieren der  Euro-Retter zunehmend von rechts diskreditiert werden.

Hans Magnus Enzensberger zeigt in seinem jüngst veröffentlichten Büchlein “Sanftes Monster Brüssel oder die Entmündigung Europas” eindrucksvoll, wie weit er den Schwurblern sprachlich und analytisch voraus ist. Kostprobe:

“Schuld an der Misere ist, wenn man den Politikern Glauben schenkt, ganz allein die Spekulation. Von dieser unerfreulichen Erscheinung sprechen sie wie von einem Spuk, der schwer zu erklären und noch schwerer zu verscheuchen ist. Dabei gehört sie zur Geschäftsgrundlage des Kapitalismus. Die Spekulanten testen den Markt auf seine Schwachstellen; sie reagieren auf die Zunahme der politisch verursachten Staatsverschuldung; sie schätzen die ökonomischen  Ungleichgewichte ab, die aus der Fehlkonstruktion der Wirtschafts- und Währungsunion folgen; und sie analysieren die Fliehkräfte, die das erzeugt.”

Enzensberger scheut sich im Gegensatz zu Misik nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. “Brüssel” stehe in seiner momentanen Verfassung für nichts anderes als: den “Eintritt in ein postdemokratisches Zeitalter.” Der Kontinent sei aber in seiner Geschichte schon mit ganz anderen Monstern fertiggeworden.

Schön gerechnet oder schöngerechnet?

Hätten die US-Amerikaner ihre Preisindizes weiter wie früher berechnet, so wäre die Preissteigerungsrate seit Jahren höher und das reale BIP seit einem Jahrzehnt geschrumpft. Das geht aus John Williams Berechnungen hervor (siehe Grafiken unten), einem Unternehmensberater aus San Francisco, der die Website Shadow Government Statistics (SGS) betreibt und einen kostenpflichtigen Newsletter veröffentlicht.

Die USA-Statistiker führten Mitte der 1980er Jahre so genannte hedonische Preise bei Computern ein, 1987 bei Mieten, 1991 bei Bekleidung, 1993 bei  Mehrfamilienhäusern, 1997 bei digitalen Telefonanlagen, 1999 bei Fernsehern. Nach einer Schätzung von Deutsche Bank Research wurden Mitte des letzten Jahrzehnts schon für 30 Prozent aller Güter und Dienste in den USA die Preise nach hedonischen Verfahren berechnet. Solche Verfahren behandeln eine Produktverbesserung wie eine Preissenkung und können unter bestimmten Voraussetzungen sinnvoll sein. Sie öffnen allerdings auch der Willkür Tür und Tor – und schlimmstenfalls der bewussten Manipulation. Die fiktive Preissenkung der Statistiker führt zu geringeren  Inflationsraten und erhöht somit bei gegebenen Werten der nominalen Produktion die Wachstumsraten des realen BIP.

In Deutschland wurden 2002 hedonische Preisindizes für Computer eingeführt und dann mit der VGR-Revision von 2005 auch für den zurückliegenden Revisionszeitraum ab 1991 angewendet.

Die Kernschmelze des Pumpkapitalismus

Der Kolumne “Das Kapital” in der FTD gelingt es immer mal wieder,  bewundernswert lakonisch die Weltläufte zu erklären. Unter der Überschrift “Die Enteignung, von der kaum jemand spricht” hieß es gestern:

“Ein Banker ruft an und ist besorgt. Meint, dass seine Kunden noch jeden Schund kaufen würden, gleich was er koste, nur um die Kasse in ihren Portefeuilles auf ein Minimum zu reduzieren. Das ist genau das, was die Zentralbanken wollen, antworten wir: die Anleger in den Wahnsinn zu treiben, auf dass diese einen Vermögensmarkt nach dem anderen nach oben hieven. Und wer könnte es ihnen schon verdenken, wenn sie versuchen, ihr Geld loszuwerden? Reden wir nicht vom Euro-Raum, wo der Leitzins von einem Prozent mit einer Inflation von 2,4 Prozent konkurriert. In Britannien beläuft sich die Inflation nun auf 4,4 Prozent – bei einem Leitzins von 0,5 Prozent. Ergibt einen realen Satz von minus 3,9 Prozent. Und ist das beste Rezept für die nächste Runde von Blasenbildung und Kapitalfehlallokation.”

Sparer und Fixeinkommensbezieher sollen in den kapitalistischen Kernländern massenhaft enteignet werden, damit der Pumpkapitalismus noch eine – vielleicht seine letzte – Runde drehen kann. Wolfgang Münchau, früher mal FTD-Chefredakteur, heute Analyst in Brüssel und Kolumnist, untersuchte kürzlich unter der Überschrift “Kernschmelze des Kapitalismus” die Interaktion von Atomcrash und Finanzkrise.

Der Atomcrash, so Münchau, wirke negativ auf die Solvenz Japans,  führe möglicherweise zur Korrektur der neuerlichen Asset Inflation in den internationalen Finanzmärkten, verschärfe die Probleme der Eurozone und trage zu dauerhaft steigenden Energiepreisen bei. Münchaus Schlussfolgerung finde ich plausibel:

“Welche dieser Krisenfaktoren überwiegen werden, ist noch nicht abzusehen. Sicher ist aber, dass nicht nachhaltige Systeme irgendwann untergehen. Für die Kernenergie ist dieser Moment spätestens mit Fukushima gekommen. In der Finanzindustrie wird der Prozess länger dauern. Eine Kernschmelze ist immer noch möglich. Und wenn wir das überstanden haben, vielleicht am Ende des Jahrzehnts, wird sich unserer kapitalistisches System von Grund auf geändert haben.”

Ob man von der bevorstehenden Kernschmelze des Kapitalismus schlechthin sprechen kann (wie Münchau in seiner Überschrift), bezweifele ich. Aber: Die Kernschmelze des von zauberlehrlingshaften Wachstumsfetischisten mit ankerlosem Papiergeld befeuerten Pumpkapitalismus steht sicher bevor.

 

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